DIHK-Barometer: Jedes dritte große Industrieunternehmen verlagert bereits Produktion
Das Energiewende-Barometer 2026 der IHK-Organisation fällt auf minus 11,48 Punkte, zwei Drittel der Betriebe zahlen mehr für Wärme. Für ein Einfamilienhaus mit Gasheizung macht der CO₂-Preis dagegen nur rund ein Zehntel der Rechnung aus.

Das Wichtigste in Kürze
- Das DIHK-Energiewende-Barometer 2026 liegt bei minus 11,48 Punkten auf einer Skala von minus 100 bis plus 100; befragt wurden rund 3.100 Unternehmen vom 8. bis 29. Juni 2026.
- Für 67 Prozent der Betriebe ist Wärme aus Gas, Fernwärme oder Heizöl binnen zwölf Monaten teurer geworden, für 49 Prozent der Strom.
- Rund 60 Prozent der großen Industrieunternehmen befassen sich mit einer Verlagerung ins Ausland, etwa ein Drittel von ihnen setzt sie bereits um.
- Eine Ausweitung des Emissionshandels mit steigenden CO₂-Preisen lehnen 43 Prozent der Unternehmen ab, 32 Prozent stimmen zu.
- Bei 15.000 Kilowattstunden Gas im Jahr kostet der CO₂-Preis 2026 rechnerisch rund 178 bis 210 Euro brutto – etwa 10 bis 12 Prozent der Gasrechnung.
Die IHK-Organisation hat am 27. Juli 2026 ihr 15. Energiewende-Barometer veröffentlicht, und es fällt deutlicher aus als in den beiden Vorjahren: Hohe Energiekosten verschieben nicht mehr nur Budgets, sondern Produktionsstandorte. Wer ein Haus mit Gasheizung besitzt, liest darin vor allem eine Frage mit – welcher Teil der eigenen Heizrechnung politisch gesetzt ist und welcher am Markt entsteht.
Minus 11,48 Punkte nach zwei Jahren der Erholung
Rund 3.100 Unternehmen aus Industrie, Handel, Dienstleistungen und Bauwirtschaft haben vom 8. bis 29. Juni 2026 geantwortet. Das Barometer ist der Saldo aus negativen und positiven Einschätzungen zur Wirkung der Energiewende auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit, gemessen von minus 100 bis plus 100. Der Wert 2026: minus 11,48. Nach dem Tiefstand 2023 hatte er sich zwei Jahre lang erholt.
40 Prozent der Betriebe bewerten die Auswirkungen negativ, 24 Prozent positiv. Industrie und Handel liegen jeweils bei minus 22 – die Industrie damit weniger pessimistisch als in der Gaskrise 2023.
Wärme verteuert sich für zwei Drittel der Betriebe
Innerhalb von zwölf Monaten ist Strom für 49 Prozent der Unternehmen teurer geworden, Wärme aus Gas, Fernwärme oder Heizöl für 67 Prozent. Mehr als 40 Prozent sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit dadurch beeinträchtigt, in der Industrie rund zwei Drittel, im Handel 40 Prozent.
Der Anteil betroffener Industriebetriebe ist gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken. Die DIHK liest das ausdrücklich nicht als Entspannung: Wer Produktion bereits reduziert, verlagert oder eingestellt hat, taucht in dieser Frage nicht mehr als belastet auf.
Investitionen stocken, Verlagerungen laufen
Rund ein Drittel der Unternehmen verschiebt Investitionen in Kernprozesse, in der Industrie 35 Prozent. Etwa jeder vierte Betrieb stellt Klimaschutzinvestitionen zurück, 16 Prozent Forschung und Innovation.
Rund 20 Prozent aller Unternehmen befassen sich mit einer Verlagerung von Investitionen oder Produktion ins Ausland, haben sie umgesetzt oder sind dabei. In der Industrie sind es rund 40 Prozent, bei großen Industrieunternehmen 60 Prozent. Von diesen gibt etwa ein Drittel an, die Verlagerung bereits zu realisieren. „Sich befassen“ und „umsetzen“ trennt die DIHK bewusst; dass der Anteil in der Planungsphase leicht gesunken ist, erklärt sie damit, dass viele Betriebe inzwischen von der Planung zur Umsetzung übergegangen sein dürften.
DIHK-Präsident Peter Adrian: „Die Folgen sind sinkende Wettbewerbsfähigkeit, aufgeschobene Investitionen und die Verlagerung von Produktionskapazitäten ins Ausland.“
Der Norden sieht erstmals seit Jahren wieder mehr Vorteile
In Norddeutschland – im Barometer Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein – überwiegen nach vielen Jahren erstmals wieder positive Einschätzungen, weil erneuerbare Energien dort selbst ein Geschäftsfeld sind. Energieintensive Betriebe klagen aber auch dort über Strompreise und fehlende Netzanschlüsse. Im Westen, Süden und Osten fällt die Bewertung schlechter aus als im Vorjahr.
Einordnung der Redaktion: Ob sich daraus unterschiedliche Entwicklungen regionaler Immobilienwerte ergeben, lässt sich aus dem Barometer nicht ableiten. Es erhebt Unternehmenseinschätzungen, keine Preise, Mieten oder Leerstände.
Emissionshandel: 43 Prozent dagegen
Am stärksten ist die Zustimmung zum Infrastrukturausbau: Knapp 79 Prozent wollen ihn verlässlicher und vorrangig, rund 78 Prozent verlangen niedrigere Steuern und Abgaben auf Strom, rund 74 Prozent mehr staatliches Geld für Infrastruktur. Die DIHK fordert eine sofortige Stromsteuersenkung für alle und schnellere Netzanschlüsse.
Eine weitere Ausweitung des Emissionshandels mit steigenden CO₂-Preisen lehnen 43 Prozent ab, 32 Prozent stimmen zu, in der Industrie nur 16 Prozent. Wie es mit dem europäischen System weitergeht, beschreibt der Beitrag zur geplanten Bremse im EU-Emissionshandel; der Streit um den Gebäudesektor steht im Beitrag zu ETS2 und Heizkosten.
Was der CO₂-Preis an Ihrer Gasrechnung ausmacht
Die Betriebe fürchten steigende CO₂-Preise. Für ein Einfamilienhaus lässt sich nachrechnen, wie groß dieser Posten tatsächlich ist. Annahme: 15.000 Kilowattstunden Gas im Jahr, bewertet mit dem BDEW-Durchschnittspreis von 11,93 Cent je Kilowattstunde. Das ist der Mittelwert der von Januar bis August 2026 abschließbaren Tarife für Einfamilienhäuser, brutto, mit anteiligem Grundpreis bei 20.000 Kilowattstunden.
Den CO₂-Preis legt § 10 BEHG für 2026 auf einen Korridor von 55 bis 65 Euro je Tonne fest. Die Emissionsberichterstattungsverordnung 2030 setzt für Erdgas 0,0558 Tonnen CO₂ je Gigajoule an und rechnet eine Megawattstunde mit 3,2508 Gigajoule um. Das ergibt rund 181 Gramm je abgerechneter Kilowattstunde. Die häufig zitierten 201 Gramm beziehen sich auf den Heizwert, Gasrechnungen auf den höheren Brennwert.
| Posten (15.000 kWh, Stand 2026) | bei 55 €/t | bei 65 €/t |
|---|---|---|
| CO₂-Menge (181 g/kWh) | 2,72 t | 2,72 t |
| CO₂-Kosten brutto (19 % MwSt.) | rund 178 € | rund 210 € |
| je Kilowattstunde brutto | rund 1,2 ct | rund 1,4 ct |
| Gasrechnung gesamt (11,93 ct/kWh) | rund 1.790 € | rund 1.790 € |
| CO₂-Anteil | rund 10 % | rund 12 % |
Mit 201 Gramm lägen die Werte bei rund 197 bis 233 Euro. Zwischen Unter- und Obergrenze des Korridors liegen also gut 30 Euro im Jahr. Beschaffung und Vertrieb machen laut BDEW dagegen knapp die Hälfte des Gaspreises aus und sind seit Januar wegen des Iran-Kriegs gestiegen. Bei kleinerem Verbrauch fällt der Grundpreis stärker ins Gewicht, der Preis je Kilowattstunde liegt dann etwas höher.
Nehmen Sie Ihren Jahresverbrauch aus der letzten Gasabrechnung und rechnen Sie im Energiekosten-Rechner ein zweites Szenario mit höherem Arbeitspreis. Dass der Korridor auch 2027 gilt, steht im Beitrag zur BEHG-Novelle. Wie sich der Haushaltsstrom entwickelt, zeigt der Beitrag zum Strompreis von 37 Cent.
Quellen und weiterführende Informationen
- DIHK: 15. Energiewende-Barometer der IHK-Organisation 2026 (PDF, Stand Juli 2026)
- DIHK: Energiekosten – Jedes dritte große Industrieunternehmen verlagert bereits Produktion ins Ausland (27. Juli 2026)
- BDEW: Gaspreisanalyse August 2026
- Brennstoffemissionshandelsgesetz, § 10 (Preiskorridor 2026)
- Emissionsberichterstattungsverordnung 2030, Anlage 2 (Standardwerte Erdgas)
- Verbraucherzentrale: So viel teurer macht der CO₂-Preis Ihre Heizkosten (Stand 6. Januar 2026)

















