Deutschland schaltet mehr Ökostrom ab – obwohl die Preise besser sind

Die kommerzielle Abregelung von Solar- und Windstrom stieg im ersten Halbjahr 2026 um 20 Prozent – obwohl es 23 Prozent weniger Stunden mit negativen Strompreisen gab. Eine Klippe im Förderrecht ist der Grund.

Solarmodule auf dem Dach eines Wohnhauses
Solarmodule auf dem Dach eines WohnhausesFoto: Vivint Solar / UnsplashUnsplash-Lizenz

Das Wichtigste in Kürze

  • Die kommerzielle Abregelung stieg im ersten Halbjahr 2026 um 20 Prozent auf 1.463 Gigawattstunden.
  • Gleichzeitig sanken die Stunden mit negativen Strompreisen um 23 Prozent – von 389 auf 299.
  • Das Solarspitzengesetz erzeugt eine scharfe Klippe: Bei exakt Null Cent gibt es volle Förderung, bei einem Cent darunter fällt sie weg.

Deutschland schaltet 2026 mehr Solar- und Windstrom ab als im Vorjahr – obwohl es deutlich weniger Stunden mit negativen Strompreisen gab. Die kommerzielle Abregelung stieg im ersten Halbjahr von 1.216 auf 1.463 Gigawattstunden, ein Plus von 20 Prozent. Gleichzeitig sanken die Negativpreisstunden um 23 Prozent, von 389 auf 299. Eine Analyse des Energiemarkt-Datenanbieters Montel, die am 27. Juli veröffentlicht wurde, verortet den Grund in einer Klippe im deutschen Förderrecht.

Die Klippe im Solarspitzengesetz

Das Solarspitzengesetz, das seit Februar 2025 gilt, enthält eine scharfe Stufe: Neu in Betrieb genommene Anlagen verlieren ihre Förderzahlung sofort, sobald der Großhandelspreis negativ wird. Bei einem Preis von exakt Null Cent erhalten sie weiterhin die volle Vergütung.

Jean-Paul Harreman, Direktor bei Montel Analytics, erklärt den Mechanismus: „Seit der Einführung des deutschen Solarspitzengesetzes im Februar 2025 verlieren neu in Betrieb genommene Erneuerbaren-Anlagen ihre Förderzahlung sofort, sobald der Großhandelspreis negativ wird, erhalten aber bei einem Preis von exakt Null weiterhin die volle Vergütung.“

Für Betreiber ergibt sich eine einfache Rechnung: Bei einem Cent unter Null verlieren sie die gesamte Vergütung für diese Viertelstunde. Bei exakt Null Cent bekommen sie den vollen Fördersatz. Drosseln lohnt sich kaum – komplett abschalten schon.

Mehr kurze Zeitfenster

Die Umstellung auf viertelstündliche Day-Ahead-Auktionen im Oktober 2025 verstärkt den Effekt: Sie erzeugt mehr kurze Zeitfenster mit negativen Preisen, in denen genau diese Klippe greift. Die Halbjahreszahlen bestätigen, was Experten bereits am 1. Mai 2026 beobachteten: An Tagen mit negativen Preisen rieten sie offen zum Abschalten von PV-Anlagen.

Andere Länder, andere Anreize

Montel hat zehn Länder verglichen. Frankreich zeigt das Gegenteil: Dort stiegen die Negativpreisstunden um 14 Prozent, aber die kommerzielle Abregelung sank um 32 Prozent. Der Grund: Die französischen Förderregeln animieren Anlagenbetreiber zum Weiterproduzieren statt zum Abschalten.

Finnland meldet ein Minus von 89 Prozent bei der Abregelung – aber der Treiber war kein besseres Marktdesign, sondern ein hydrologisches Defizit in Skandinavien, das die Großhandelspreise anhob. Auch Niederlande, Belgien, Schweiz und Polen verzeichneten sinkende kommerzielle Abregelung.

Speicher statt Abschalten

Die eigentliche Antwort liegt nicht in weniger Zubau, sondern in mehr Flexibilität. Gewerbliche und industrielle Batteriespeicher sollen sich von rund 9 Gigawattstunden 2026 auf etwa 24 Gigawattstunden 2028 nahezu verdreifachen. Ein IRENA-Bericht vom Mai 2026 kommt zum Ergebnis, dass Solar- und Windstrom in Kombination mit Speichern kostenseitig mit neuen Kohle- und Gaskraftwerken konkurrieren können.

Smart Meter mit zeitvariablen Tarifen, die Elektrifizierung von Haushalten und Demand Response – also die gezielte Verschiebung von Verbrauch in Überschussstunden – ergänzen das Bild.

Was das für PV-Eigentümer bedeutet

Wenn Sie eine Photovoltaikanlage betreiben, zeigt die Montel-Analyse: Negative Strompreise werden zum Dauerthema, und die aktuelle Förderung belohnt Abschaltung statt Drosselung. Der abgeregelte Strom ist kein Beleg gegen den Erneuerbaren-Ausbau, wie Harreman feststellt – „er ist eine unbezahlte Rechnung für Speicher und Lastmanagement, die noch nicht gebaut sind.“

Für neue Anlagen ab Juli 2027 ändert sich die Förderung grundlegend: Die Einspeisevergütung entfällt, und Anlagenbetreiber müssen den Strom direkt vermarkten. Dann verschwindet die Klippe – aber die Volatilität der Marktpreise bleibt.

Die Frage ist nicht mehr, ob Sie Solarstrom erzeugen, sondern wie Sie ihn am besten nutzen. Ein Speicher, ein dynamischer Stromtarif oder ein Energiemanagementsystem verwandelt Überschussstunden von einem Problem in eine Chance.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Cleanthinking: Kommerzielle Abregelung – Die Nullcent-Klippe (mit Montel-Daten)
  2. Euronews: Why Germany keeps switching off its solar and wind farms
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