Negative Strompreise 2026: Kein Rekordjahr, aber Ausschläge bis minus 500 Euro je Megawattstunde

Bis Ende August 2026 war der Börsenstrompreis in 424 Stunden negativ – weniger als im Vorjahreszeitraum. Dafür fiel er am 1. Mai fast auf die damalige Untergrenze von −500 Euro je Megawattstunde. Beim Haushalt kommt davon wenig an.

Windräder und Photovoltaikmodule bei Sonnenuntergang – Stunden mit Stromüberschuss und negativen Börsenpreisen
Windräder und Photovoltaikmodule bei Sonnenuntergang – Stunden mit Stromüberschuss und negativen BörsenpreisenFoto: iStock / bearbeitet (Zuschnitt)Lizenz

Das Wichtigste in Kürze

  • Der deutsche Day-Ahead-Preis war von Januar bis August 2026 in 424 Stunden negativ, im selben Zeitraum 2025 in 465 Stunden – 2026 ist bisher kein Rekordjahr.
  • Am 1. Mai 2026 lag der Preis von 13:15 bis 14:30 Uhr bei −499,99 Euro je Megawattstunde; weil solche Werte zweimal binnen weniger Tage auftraten, gilt seit dem 28. Mai eine Untergrenze von −600 Euro.
  • Zwei Drittel aller negativen Stunden liegen nur zwischen null und −5 Euro je Megawattstunde, gut neun von zehn fallen in die Zeit von 10 bis 17 Uhr.
  • Bei −5 Euro je Megawattstunde kostet die Kilowattstunde im dynamischen Tarif wegen Netzentgelt, Steuern und Umlagen noch rund 18 bis 19 Cent brutto, zuzüglich Lieferantenaufschlag.
  • Profitieren kann vor allem, wer am Wochenende mittags große Mengen verschieben kann – typischerweise das Elektroauto, weniger die Wärmepumpe.

Am 1. Mai 2026, einem sonnigen Feiertag mit wenig Industrielast, fiel der deutsche Day-Ahead-Preis für die Viertelstunde ab 13:15 Uhr auf −499,99 Euro je Megawattstunde und blieb dort bis 14:30 Uhr. Wer Strom abnahm, bekam rechnerisch fast 50 Cent je Kilowattstunde dazu. Fünf Tage zuvor, am Sonntag, dem 26. April, lag der Stundenpreis zwischen 13 und 15 Uhr bei rund −414 Euro.

Solche Tage haben das Bild vom Rekordjahr geprägt. Die Stundenwerte der Bundesnetzagentur zeigen etwas anderes: 2026 gibt es bisher nicht mehr negative Stunden als 2025, sondern weniger. Verändert hat sich die Tiefe der Ausschläge – und die ist für Ihre Stromrechnung weniger wichtig, als die Schlagzeilen nahelegen.

Die Zahlen: 2026 liegt hinter dem Vorjahr

Grundlage der folgenden Werte sind die Day-Ahead-Preise für das Marktgebiet Deutschland/Luxemburg, wie sie SMARD, die Marktdatenplattform der Bundesnetzagentur, veröffentlicht (Stand: Abruf am 16. September 2026). Seit dem 1. Oktober 2025 wird am Day-Ahead-Markt in Viertelstunden gehandelt; gezählt sind hier die Stundenwerte, die SMARD daraus bildet.

Jahr Negative Stunden Januar–August Negative Stunden im Gesamtjahr Tiefster Stundenpreis
2023 166 301 −500,00 €/MWh am 2. Juli
2024 373 457 −135,45 €/MWh am 12. Mai
2025 465 573 −250,32 €/MWh am 11. Mai
2026 424 noch offen −499,00 €/MWh am 1. Mai

Bis Ende Mai stand es mit 242 zu 248 Stunden fast gleich. Danach fiel 2026 zurück: Im Juni gab es 49 negative Stunden, im Juni 2025 waren es 141. Der April 2026 dagegen brachte mit 123 Stunden deutlich mehr als der April 2025 mit 75. In Viertelstunden gerechnet war der Preis von Januar bis August 2026 in 1.710 Fällen negativ.

Einen Rekord gibt es 2026 auch beim Tiefstwert nicht: Der Stundenpreis von −500 Euro vom 2. Juli 2023 lag bereits exakt auf der damaligen Untergrenze. Warum 2026 seltener negative Preise hatte, lässt sich aus den Preisdaten allein nicht sauber zuordnen. Wetter, der Zubau großer Batteriespeicher, das insgesamt höhere Preisniveau – der Durchschnitt lag von Januar bis August bei rund 103 Euro je Megawattstunde nach 89 Euro im Gesamtjahr 2025 – und die neuen Förderregeln wirken gleichzeitig.

Selten tief, meist knapp unter null

Die spektakulären Werte sind Ausnahmen. Rund zwei Drittel aller negativen Stunden lagen 2025 wie auch 2026 nur zwischen null und −5 Euro je Megawattstunde, also bei höchstens einem halben Cent je Kilowattstunde. Von Januar bis August 2026 fielen 91,5 Prozent der negativen Stunden in die Zeit zwischen 10 und 17 Uhr, knapp 60 Prozent auf Samstage und Sonntage. Negative Preise sind damit vor allem ein Mittagsphänomen im Frühjahr und Sommer, getrieben von der Photovoltaik.

Die Ausreißer im April und Mai hatten trotzdem Folgen für ganz Europa. Die Strombörsen der gekoppelten Day-Ahead-Märkte arbeiten mit einer gemeinsamen Untergrenze. Fällt der Preis in mindestens zwei Handelsperioden an zwei verschiedenen Tagen innerhalb von 30 Tagen unter 70 Prozent dieser Grenze, wird sie um 100 Euro gesenkt. Genau das geschah für die Liefertage 26. April und 1. Mai 2026. Seit dem Handelstag 28. Mai 2026 liegt die Untergrenze deshalb bei −600 statt −500 Euro je Megawattstunde.

Warum Strom überhaupt ins Minus fällt

Ein negativer Preis entsteht, wenn viel unflexible Erzeugung auf geringe Nachfrage trifft. Dass Kraftwerke dann nicht einfach abschalten, hat laut SMARD mehrere Gründe:

  1. Konventionelle Mindesterzeugung. Große Kraftwerke abzuschalten und wieder anzufahren kostet Geld und Zeit. Manche Anlagen müssen außerdem Regelleistung bereitstellen, und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen liefern Wärme, die weiter gebraucht wird.
  2. Die Marktprämie. Wind- und Solarparks in der Direktvermarktung erhalten zusätzlich zum Börsenerlös eine Marktprämie. Solange die Prämie den negativen Preis mehr als ausgleicht, lohnt sich das Einspeisen trotzdem. Ältere Fassungen des EEG strichen die Förderung erst, wenn der Preis sechs, ab 2021 vier Stunden am Stück negativ war.
  3. Einspeisung ohne Preissignal. Kleine Dachanlagen mit fester Einspeisevergütung sehen den Börsenpreis gar nicht. Sie speisen ein, sobald die Sonne scheint.

Das Solarspitzengesetz hat am zweiten und dritten Punkt angesetzt. Nach § 51 Absatz 1 EEG verringert sich der anzulegende Wert für jeden Zeitraum mit negativem Spotmarktpreis auf null – ohne Mindestdauer. Das gilt für Anlagen, die seit dem 25. Februar 2025 in Betrieb gegangen sind. Für Anlagen unter 100 Kilowatt greift die Regel nach Absatz 2 erst nach Ablauf des Kalenderjahres, in dem ein intelligentes Messsystem eingebaut wurde. Zum Ausgleich verlängert § 51a EEG den Vergütungszeitraum. Wie sich das zusammen mit der 60-Prozent-Grenze auf eine private Dachanlage auswirkt, steht im Beitrag zur Photovoltaik ohne Speicher; die aktuellen Sätze zeigt der Überblick zur gesunkenen Einspeisevergütung.

Was am Zähler ankommt: eine Kilowattstunde bei −5 Euro je Megawattstunde

Seit dem 1. Januar 2025 muss nach § 41a Absatz 2 EnWG jeder Stromlieferant Kunden mit intelligentem Messsystem einen dynamischen Tarif anbieten. Dort folgt aber nur der Beschaffungsanteil der Börse. Die Rechnung für eine typische negative Stunde, netto je Kilowattstunde:

Bestandteil Betrag Beleg
Börsenpreis (−5 €/MWh) −0,50 ct Day-Ahead-Preis
Netzentgelt, Durchschnitt Haushalte 2026 9,20 ct BDEW-Strompreisanalyse Herbst 2026
Stromsteuer 2,05 ct § 3 StromStG: 20,50 €/MWh
Konzessionsabgabe, je nach Gemeindegröße 1,32 bis 2,39 ct § 2 Abs. 2 und 7 KAV
Aufschlag für besondere Netznutzung 1,559 ct Übertragungsnetzbetreiber, 2026
Offshore-Netzumlage 0,941 ct Übertragungsnetzbetreiber, 2026
KWKG-Umlage 0,446 ct Übertragungsnetzbetreiber, 2026
Summe netto 15,02 bis 16,09 ct
mit 19 Prozent Umsatzsteuer 17,9 bis 19,1 ct

Hinzu kommen der Aufschlag des Lieferanten je Kilowattstunde und der Grundpreis. Die Konzessionsabgabe fällt in diesem Umfang auch bei Sonderverträgen an, weil Lieferungen aus dem Niederspannungsnetz nach § 2 Absatz 7 KAV als Tariflieferungen gelten. Ihr örtliches Netzentgelt kann deutlich vom Durchschnitt abweichen.

Umgekehrt gerechnet: Damit der Endpreis vor Lieferantenaufschlag auf null fällt, muss der Börsenpreis unter etwa −155 bis −166 Euro je Megawattstunde sinken. Das kam von Januar bis August 2026 in 37 bis 38 Viertelstunden vor, verteilt auf drei Tage: den 25. und 26. April sowie den 1. Mai. Ob ein Vertrag einen negativen Gesamtpreis tatsächlich gutschreibt, regelt allein der Vertrag – die Aufschlüsselung der Preisbestandteile muss nach § 41a Absatz 7 EnWG in der Vertragszusammenfassung stehen. Warum sich der Durchschnittspreis 2026 dennoch bewegt hat, erklärt der Beitrag zum Haushaltsstrompreis von 37 Cent.

Wer tatsächlich profitiert

Der Vorteil liegt nicht im negativen Preis selbst, sondern im Abstand zu den teuren Stunden desselben Tages. An den 80 Tagen mit negativen Preisen zwischen Januar und August 2026 kostete die Megawattstunde zwischen 18 und 21 Uhr im Schnitt 130,70 Euro. Gegenüber −5 Euro sind das 13,57 Cent netto, mit Umsatzsteuer rund 16,1 Cent je Kilowattstunde.

Elektroauto an der Wallbox. Lädt ein Auto an einem Sonntagmittag 30 Kilowattstunden statt am Abend, spart das 30 × 16,1 Cent = rund 4,80 Euro. Gelingt das an 20 solchen Tagen im Jahr, kommen knapp 100 Euro zusammen. Eine Wallbox mit 11 Kilowatt schafft die Menge in unter drei Stunden; ein negativer Tag hatte 2026 im Mittel 5,3 negative Stunden. Voraussetzung ist, dass das Auto am Wochenende mittags zu Hause steht.

Stromspeicher. Ein Hausspeicher ohne eigene Photovoltaik kann gezielt in negativen Stunden laden. Mit Photovoltaik ist er an sonnigen Mittagen meist ohnehin voll – dann bringt der Börsenpreis kaum zusätzlichen Nutzen.

Wärmepumpe. Die negativen Stunden liegen überwiegend zwischen April und August, wenn kaum geheizt wird. Übrig bleibt in erster Linie die Warmwasserbereitung. Die Wärmepumpe profitiert deshalb deutlich weniger, als die Werbung für Steuerungen suggeriert.

Haushalte mit Photovoltaik. Sie erzeugen in genau diesen Stunden selbst Strom. Der attraktivste Teil des dynamischen Tarifs fällt damit auf Stunden, in denen sie wenig kaufen. Diese Asymmetrie ist im Vergleich von Festpreis und dynamischem Tarif durchgerechnet; welche Geräte sich überhaupt steuern lassen, zeigt der Beitrag zur strompreisbasierten Gerätesteuerung.

Was Sie jetzt tun

Rufen Sie bei SMARD die Day-Ahead-Preise der vergangenen zwölf Monate auf und zählen Sie, wie viele negative Stunden auf Zeiten fielen, in denen Ihr Auto zu Hause war oder Ihr Speicher leer. Multiplizieren Sie die realistisch verschiebbaren Kilowattstunden mit rund 16 Cent. Liegt das Ergebnis nicht deutlich über den Mehrkosten für Messsystem und Tarif, lohnt der Wechsel wegen negativer Preise allein nicht. Liegt es darüber, verlangen Sie vor Vertragsschluss die Vertragszusammenfassung und prüfen Sie zwei Punkte: die Höhe des Aufschlags je Kilowattstunde und ob negative Gesamtpreise gutgeschrieben werden.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. SMARD (Bundesnetzagentur) – Großhandelspreise Day-Ahead, Marktgebiet Deutschland/Luxemburg
  2. SMARD – Negative wholesale prices (Ursachen negativer Großhandelspreise)
  3. NEMO Committee – SDAC Communication Note vom 7. Mai 2026: Mindestpreis −600 EUR/MWh ab 28. Mai 2026
  4. § 51 EEG 2023 – Verringerung des Zahlungsanspruchs bei negativen Preisen
  5. BDEW-Strompreisanalyse Herbst 2026
  6. § 2 KAV – Bemessung und zulässige Höhe der Konzessionsabgaben
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