Goldman Sachs hebt Gaspreisprognose für Europa deutlich an
Goldman Sachs erwartet deutlich höhere europäische Gaspreise. Grund sind verzögerte LNG-Lieferungen aus dem Persischen Golf und knapper gefüllte Speicher.

Das Wichtigste in Kürze
- Goldman Sachs erwartet für den Rest des dritten Quartals 60 Euro je Megawattstunde für niederländisches TTF-Gas.
- Die Bank rechnet wegen der Hormuz-Störungen mit einer LNG-Lücke von 16 Millionen Tonnen pro Jahr.
- Nordwesteuropäische Gasspeicher könnten Ende Oktober nur zu 67 statt zu 74 Prozent gefüllt sein.
Goldman Sachs hat seine kurzfristige Prognose für europäische Gaspreise deutlich angehoben. Nach Angaben des Berichts von Oil & Gas 360 rechnet die Bank für den Rest des dritten Quartals 2026 mit 60 Euro je Megawattstunde für niederländisches TTF-Gas. Zuvor hatte sie 41 Euro erwartet. Für das vierte Quartal steigt die Prognose von 40 auf 53 Euro je Megawattstunde.
Auslöser ist nicht ein einzelner europäischer Marktimpuls, sondern die gestörte Energieversorgung über den Persischen Golf. Die Analystin Samantha Dart verschiebt ihre Annahme für eine Normalisierung der LNG-Exporte aus der Region von Juli auf Oktober. Für Haushalte mit Gasheizung ist das ein Warnsignal für den kommenden Winter: Höhere Großhandelspreise werden nicht automatisch zu höheren Tarifen, sie erhöhen aber das Risiko steigender Beschaffungskosten.
Straße von Hormuz bleibt ein Engpass
Die Straße von Hormuz ist eine zentrale Route für Energieexporte aus der Golfregion. Laut Goldman Sachs passieren sie rund 20 Prozent der weltweiten LNG-Exporte. LNG ist verflüssigtes Erdgas, das mit Spezialtankern transportiert und in Importterminals wieder in das europäische Gasnetz eingespeist wird.
Wenn die Schifffahrt gestört ist oder Lieferungen langsamer zurückkehren als erwartet, fehlt dieses Gas auf dem Weltmarkt. Goldman Sachs beziffert die Lücke in der globalen LNG-Versorgung für den verbleibenden Sommer auf 16 Millionen Tonnen pro Jahr, entsprechend etwa vier Prozent des Angebots.
Europa konkurriert bei LNG-Ladungen mit asiatischen Abnehmern. Daher kann eine globale Lieferlücke den europäischen Referenzpreis TTF auch dann erhöhen, wenn die physische Versorgung einzelner Länder nicht unmittelbar unterbrochen ist. Der Markt preist nicht nur den heutigen Bedarf ein, sondern auch die Frage, wie weit sich Speicher vor dem Winter noch auffüllen lassen.
Gasspeicher könnten weniger stark gefüllt sein
Nach der neuen Goldman-Sachs-Annahme könnten die nordwesteuropäischen Gasspeicher Ende Oktober nur noch zu 67 Prozent gefüllt sein. Die frühere Erwartung lag bei 74 Prozent. Die Differenz klingt zunächst klein, ist vor dem Winter aber relevant: Speicher sollen saisonale Nachfragespitzen abfedern, wenn der Heizbedarf steigt und zusätzliche Gaslieferungen schwerer oder teurer zu beschaffen sind.
Die Bank unterstellt für das Ende des Winters Ende März einen Speicherstand von 28 Prozent, wenn die Temperaturen im saisonalen Durchschnitt bleiben. Das ist eine Modellannahme, keine Vorhersage des tatsächlichen Füllstands einzelner deutscher Speicher. Wetter, europäische Nachfrage, verfügbare LNG-Tanker und die Entwicklung des Konflikts können den Verlauf deutlich verändern.
Dart sieht die Risiken für die kurzfristige Preisprognose vor allem nach oben. Bei einer nur langsamen Normalisierung der Energieexporte bis 2027 müsste TTF laut ihrer Einschätzung über 100 Euro je Megawattstunde steigen, um die Nachfrage nach LNG in Asien ausreichend zu dämpfen. Eine raschere Entspannung der Schifffahrt könnte den Preis dagegen wieder in Richtung 40 Euro führen.
Was ein TTF-Preis für Haushalte aussagt
TTF ist ein europäischer Großhandelsreferenzpreis und kein Haushaltsarbeitspreis. Eine Megawattstunde entspricht 1.000 Kilowattstunden. Ein TTF-Wert von 60 Euro je Megawattstunde entspricht damit rechnerisch 6 Cent je Kilowattstunde vor Kosten für Vertrieb, Netze, Steuern und weitere Preisbestandteile.
Ob eine Bewegung am Großhandelsmarkt auf einer privaten Gasrechnung ankommt, hängt von Tarif, Beschaffung des Versorgers, Preisgarantie und Vertragszeitpunkt ab. Haushalte mit langer Preisgarantie sehen kurzfristige Ausschläge oft nicht direkt. Bei Neuverträgen oder auslaufenden Garantien können sich veränderte Marktpreise dagegen schneller bemerkbar machen.
Für eine Gasheizung sollte deshalb nicht nur der aktuelle Abschlag betrachtet werden. Sinnvoll sind Jahresverbrauch, Arbeitspreis, Grundpreis und der nächste mögliche Anpassungstermin. Der Energiekosten-Rechner zeigt, welche Wirkung ein anderer Arbeitspreis auf die Jahres- und Monatskosten hätte.
Heizungskosten nicht nur am Momentpreis ausrichten
Die neue Prognose ist keine Aufforderung zu einem überstürzten Tarifwechsel und keine Aussage über eine konkrete Winterrechnung. Sie macht jedoch sichtbar, wie stark die Gaspreise weiterhin von geopolitischen Transportwegen abhängen. Bei Entscheidungen über eine neue Heizungsanlage sollten Eigentümer deshalb mehrere Szenarien rechnen, statt einen einzelnen Preis fortzuschreiben.
Der Heizkosten-Vergleich stellt Gasheizung und Wärmepumpe bei gleichem Wärmebedarf gegenüber. Dabei bleiben Investitionskosten, Förderungen und spätere Reparaturen bewusst außen vor. Für eine belastbare Entscheidung gehören diese Punkte ebenso dazu wie langfristige Faktoren, etwa der europäische Emissionshandel ETS2 für fossile Brennstoffe in Gebäuden.































