Goldman Sachs korrigiert Gaspreisprognose für Europa deutlich nach oben
Goldman Sachs korrigiert die Gaspreisprognose für Europa kräftig nach oben. Lieferengpässe im Hormuz-Korridor verzögern LNG-Importe und belasten Speicher und Heizkosten.

Das Wichtigste in Kürze
- Goldman Sachs erhöht die europäische Gaspreisprognose für das dritte Quartal 2026 von 41 auf 60 Euro pro Megawattstunde.
- Anhaltende Spannungen im Hormuz-Korridor behindern weltweite Flüssiggas-Transporte (LNG) nach Nordwesteuropa.
- Die Füllstände der europäischen Erdgasspeicher könnten zum offiziellen Winterstart am 1. Oktober unter 67 Prozent bleiben.
- Für ein durchschnittliches Einfamilienhaus drohen bei verzögerter Weitergabe Mehrkosten von 70 bis 120 Euro pro Heizsaison.
Die US-Investmentbank Goldman Sachs hat ihre Prognose für die europäischen Erdgaspreise im Sommer und Herbst 2026 drastisch angehoben: Für das dritte Quartal 2026 erwarten die Rohstoffanalysten am Leitmarkt TTF nun 60 Euro pro Megawattstunde statt der zuvor veranschlagten 41 Euro (ein Plus von 46 Prozent). Für das vierte Quartal steigt die Prognose von 40 auf 53 Euro. Hauptursache sind anhaltende Schifffahrtsblockaden in der Straße von Hormus, die weltweite Tankertransporte von verflüssigtem Erdgas (LNG) verzögern. Dadurch drohen die Erdgasspeicher in Nordwesteuropa mit einem Füllstand von nur 67 Prozent in die Heizperiode zu starten.
| Quartal / Szenario | Bisherige Prognose | Neue TTF-Prognose | Großhandelspreis (ct/kWh) | Mehrkosten EFH (20.000 kWh/a) | Speicherstand Europa (zum 01.10.) |
|---|---|---|---|---|---|
| Q3 2026 (Sommer/Befüllung) | 41 €/MWh | 60 €/MWh (+46 %) | 6,0 ct/kWh | ca. +120 €/Jahr (bei 1:1 Weitergabe) | 67 % (statt 74 % Zielkorridor) |
| Q4 2026 (Winterauftakt) | 40 €/MWh | 53 €/MWh (+33 %) | 5,3 ct/kWh | ca. +70 bis 90 €/Jahr | Erhöhter Druck bei Kältewelle |
| Risikoszenario (Konflikt bis 2027) | – | > 100 €/MWh | > 10,0 ct/kWh | bis zu +400 €/Jahr | Extreme Nachfragedrosselung nötig |
| Entspannungsszenario | – | ~40 €/MWh | 4,0 ct/kWh | Stabil auf Vorniveau | Normalisierung ab Spätherbst |
| Langfristprognose (2028–2029) | – | 16–19 €/MWh | 1,6–1,9 ct/kWh | Deutliche Entlastung | Neue LNG-Terminals in USA/Katar aktiv |
Warum der Hormuz-Korridor den europäischen Gasmarkt trifft
Die Straße von Hormus ist das zentrale Nadelöhr des weltweiten Energiemarktes: Über diese Meerenge werden rund 20 Prozent des globalen Verbrauchs an flüssigen Brennstoffen und etwa ein Fünftel der weltweiten LNG-Ausfuhren transportiert, insbesondere aus Katar.
Goldman-Sachs-Analystin Samantha Dart geht in ihrer Analyse davon aus, dass sich die LNG-Verschiffungen aus dem Persischen Golf erst im Oktober 2026 normalisieren werden, rund drei Monate später als im Frühjahr erwartet. Durch die Umwege und Ausfälle fehlen den internationalen Märkten im Restsommer schätzungsweise 16 Millionen Tonnen LNG pro Jahr, was einer Verknappung des weltweiten Angebots um vier Prozent entspricht. Da asiatische Abnehmer bereit sind, hohe Prämien für kurzfristige Frachten zu zahlen, fließt weniger Flüssiggas in die europäischen Entladeterminals.
Gasspeicher vor dem Winter: 67 Prozent statt 74 Prozent Füllstand
Die verringerte LNG-Zufuhr trifft Europa in der entscheidenden Phase der Sommereinspeicherung. Nach Berechnungen von Goldman Sachs werden die Speicher in Nordwesteuropa zum offiziellen Beginn des Gaswirtschaftsjahres am 1. Oktober voraussichtlich nur zu rund 67 Prozent gefüllt sein – ursprünglich waren 74 Prozent kalkuliert worden.
In Deutschland überwacht die Bundesnetzagentur die gesetzlichen Füllstandsvorgaben. Zwar federn gut gefüllte Speicher saisonale Verbrauchsspitzen ab, doch bei einem unterdurchschnittlichen Füllstand steigt die Nervosität der Marktteilnehmer sprunghaft an. Ob der nationale Füllstand zum Winterstart ausreicht, hängt maßgeblich von den Temperaturen im November und Dezember ab. Jede frühe Kältewelle könnte Versorger zwingen, teures Ausgleichsgas an den Spotmärkten nachzubeschaffen.
Was der Preissprung für die Gasrechnung im Einfamilienhaus bedeutet
Ein Anstieg der Großhandelspreise am TTF-Spotmarkt von 40 auf 60 Euro pro Megawattstunde (von 4,0 auf 6,0 Cent je Kilowattstunde) schlägt nicht unmittelbar auf jede private Heizkostenabrechnung durch. Der Gaspreis für Endkunden setzt sich aus der Beschaffung, den Netzentgelten, der Konzessionsabgabe, der CO₂-Abgabe nach Brennstoffemissionshandelsgesetz sowie Steuern zusammen.
Viele Stadtwerke und Regionalversorger beschaffen ihr Gas in Tranchen mit mehreren Monaten bis Jahren Vorlauf. Dennoch gilt als Faustregel der Energiewirtschaft: Ein dauerhafter Preisanstieg um 10 Euro pro MWh im Großhandel treibt die Endkunden-Arbeitspreise mittelfristig um 0,25 bis 0,35 Cent je Kilowattstunde nach oben.
Für ein klassisches Einfamilienhaus mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden bedeutet eine Erhöhung der Beschaffungskosten um 20 Euro pro MWh rechnerisch eine Mehrbelastung von 100 bis 140 Euro brutto pro Jahr. Wer Verträge mit Festpreisgarantie über zwölf oder vierundzwanzig Monate besitzt, ist für die laufende Heizperiode geschützt. Kunden in Grundversorgungstarifen oder mit auslaufenden Verträgen müssen dagegen mit Preisanpassungsschreiben im Spätherbst rechnen.
Risiken nach oben und langfristige Beruhigung ab 2028
Goldman Sachs unterstreicht, dass das Prognoserisiko kurzfristig klar nach oben gerichtet ist. Sollten sich die geopolitischen Störungen bis weit ins Jahr 2027 hineinziehen, müssten die europäischen Gaspreise auf über 100 Euro pro Megawattstunde klettern, um die Nachfrage der Industrie drastisch zu reduzieren (Demand Destruction).
Gelingt dagegen eine rasche Beilegung der Blockaden, dürften die Notierungen wieder in Richtung 40 Euro zurückfedern. Wie empfindlich Energiemärkte auf diplomatische Signale reagieren, zeigte bereits der Ölpreisrückgang nach der Kampfpause.
Für die Jahre 2028 und 2029 hält Goldman Sachs unverändert an einer deutlich günstigeren Prognose fest: Mit 19 bzw. 16 Euro pro Megawattstunde wird ein starker Preisverfall vorhergesagt, sobald neue Verflüssigungskapazitäten in den USA und Katar in großem Stil den Weltmarkt erreichen.
Handlungsempfehlungen für Immobilieneigentümer
Eigentümer mit Gasheizung sollten folgende Schritte prüfen:
- Vertragskonditionen sichten: Prüfen Sie die Restlaufzeit Ihrer Preisgarantie. Liegt Ihr aktueller Arbeitspreis deutlich über 11 bis 12 Cent pro Kilowattstunde, lohnt sich ein Tarifvergleich, um sich noch vor dem Winter gegen Preissprünge abzusichern.
- Heizkurve und Vorlauf optimieren: Eine Absenkung der Raumtemperatur um ein Grad spart rund sechs Prozent Gas. Zusammen mit einem hydraulischen Abgleich senkt dies den Verbrauch sofort.
- Wärmewende im Haus vorbereiten: Angesichts steigender CO₂-Preise und schwankender Importmärkte bleibt die Planung einer neuen Heizung der wichtigste Hebel, um sich von fossilen Preisschocks dauerhaft unabhängig zu machen.

















