Leitungsquerschnitt und Absicherung: Dieselbe Leitung trägt je nach Verlegeart nur zwei Drittel

Eine Leitung mit 1,5 mm² ist kein fester Wert in Ampere. Wie viel sie tragen darf, hängt davon ab, wo sie liegt, wie viele Kreise daneben laufen und wie lang sie ist – und meist begrenzt nicht die Wärme, sondern der Spannungsfall.

Reihe beschrifteter Leitungsschutzschalter neben einem FI-Schutzschalter
Reihe beschrifteter Leitungsschutzschalter neben einem FI-SchutzschalterFoto: Balurbala / Wikimedia CommonsCC BY-SA 3.0

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Leitungsschutzschalter schützt die Leitung, nicht das angeschlossene Gerät und nicht den Menschen – deshalb richtet sich sein Nennstrom nach der Belastbarkeit der Leitung und nicht nach dem, was daran hängt.
  • Eine Leitung mit 1,5 mm² trägt je nach Verlegeart zwischen rund 13 und rund 17,5 Ampere; die ungünstigste Lage ist das Rohr in einer wärmegedämmten Wand.
  • Liegen fünf Stromkreise gebündelt zusammen, sinkt die zulässige Belastung nach den Häufungsfaktoren der DIN VDE 0298-4 auf 60 Prozent des Tabellenwerts.
  • DIN 18015-1 begrenzt den Spannungsfall zwischen Zählerplatz und Verbrauchsmittel auf 3 Prozent – bei 16 Ampere ist 1,5 mm² damit nach rund 18 Metern am Ende, lange bevor die Erwärmung zum Problem wird.
  • Ein B16-Automat schaltet im Kurzschlussfall spätestens beim Fünffachen seines Nennstroms magnetisch ab; die Schleifenimpedanz darf dafür rechnerisch rund 2,9 Ohm nicht überschreiten.

Der Leitungsschutzschalter im Verteiler hat einen irreführenden Alltagsnamen. Er heißt Sicherung, und die meisten Menschen denken dabei an den angeschlossenen Fernseher. Geschützt wird aber die Leitung in der Wand – das Gerät hat seine eigene Absicherung, und gegen den Stromschlag hilft der Fehlerstrom-Schutzschalter daneben.

Aus dieser einen Zuordnung folgt alles Weitere: Der Nennstrom der Sicherung richtet sich nach dem, was die Leitung aushält, und nicht nach dem, was daran hängt. Die eigentliche Frage lautet also nicht „welche Sicherung für welches Gerät“, sondern „was trägt diese Leitung an dieser Stelle“ – und darauf gibt es drei voneinander unabhängige Antworten.

Drei Bedingungen, drei Grenzen

Eine Leitung muss gleichzeitig drei Prüfungen bestehen, und jede kann für sich die engste sein.

Die Strombelastbarkeit ist die thermische Grenze: Ab welchem Dauerstrom überschreitet der Leiter seine zulässige Betriebstemperatur, bei PVC-Isolierung 70 Grad? Aus ihr folgt die Auswahlregel der DIN VDE 0100-430: Der Betriebsstrom muss kleiner oder gleich dem Nennstrom der Schutzeinrichtung sein, und dieser wiederum kleiner oder gleich der Belastbarkeit der Leitung.

Der Spannungsfall ist die Komfort- und Effizienzgrenze: Was auf dem Weg an Spannung verloren geht, fehlt am Gerät und wird in der Wand in Wärme umgesetzt.

Die Abschaltbedingung ist die Sicherheitsgrenze: Im Fehlerfall muss genug Strom fließen, damit die Schutzeinrichtung schnell genug auslöst.

Die Reihenfolge, in der diese drei im Wohnhaus tatsächlich zuschlagen, ist fast immer eine andere als die Reihenfolge, in der man sie diskutiert.

Die Verlegeart entscheidet mehr als der Querschnitt

Ein Querschnitt in Quadratmillimetern ist keine Stromangabe. Wie viel eine Leitung trägt, hängt davon ab, wie gut sie ihre Wärme loswird – und das ist eine Frage der Umgebung. DIN VDE 0100-520 und DIN VDE 0298-4 arbeiten dafür mit Referenzverlegearten. Als Anhaltswerte für eine PVC-isolierte Kupferleitung mit drei belasteten Adern bei 30 Grad Umgebungstemperatur:

Querschnitt im Rohr in wärmegedämmter Wand mehradrig im Rohr auf der Wand direkt auf der Wand
1,5 mm² rund 13 A rund 15 A rund 17,5 A
2,5 mm² rund 17,5 A rund 20 A rund 24 A
4 mm² rund 23 A rund 27 A rund 32 A
6 mm² rund 29 A rund 34 A rund 41 A

Zwischen der ungünstigsten und der günstigsten Lage liegen bei 1,5 mm² rund 35 Prozent. Die verbindlichen Werte stehen in der Norm und hängen zusätzlich von Aderzahl, Isolierwerkstoff und der genauen Referenzverlegeart ab; die Auswahl trifft die Elektrofachkraft, nicht die Tabelle.

Der praktisch wichtigste Fall steht in der ersten Spalte. Eine Leitung, die im Rohr in einer wärmegedämmten Wand oder oberhalb einer gedämmten Geschossdecke liegt, ist thermisch am schlechtesten dran – und genau diese Lage entsteht bei jeder nachträglichen Innendämmung, ohne dass jemand eine Leitung angefasst hätte.

Häufung: fünf Kreise nebeneinander, 60 Prozent Belastbarkeit

Der zweite Faktor kommt dazu, sobald mehrere Stromkreise dicht beieinanderliegen – im selben Installationsrohr, im selben Kanal, im selben Bündel unter der Estrichdämmung. Jeder Kreis heizt die anderen mit. DIN VDE 0298-4 rechnet das über Umrechnungsfaktoren: zwei Kreise 0,80, drei 0,70, vier 0,65, fünf 0,60, sechs 0,57.

Das Ergebnis ist unangenehm konkret. Eine Leitung mit 1,5 mm² im Rohr in einer gedämmten Wand steht bei rund 13 Ampere. Liegen drei Stromkreise gebündelt, bleiben 13 × 0,70, also rund 9 Ampere. Ein B16-Automat schützt diese Leitung dann rechnerisch nicht mehr. Kommt eine Umgebungstemperatur über 30 Grad hinzu – unter einem Flachdach, neben einer ungedämmten Heizungsverteilung –, greift ein weiterer Faktor, und zwar multiplikativ.

In Neubauten wird das geplant. Im Bestand entsteht es unbemerkt: Jede nachgezogene Leitung, die durch dasselbe alte Rohr geschoben wird, verschlechtert die Bedingungen für alle anderen darin.

Bei 16 Ampere ist nach rund 18 Metern Schluss

Hier kippt die Reihenfolge. DIN 18015-1 begrenzt den Spannungsfall zwischen Zählerplatz und Anschlusspunkt des Verbrauchsmittels auf 3 Prozent; DIN VDE 0100-520 nennt für den Weg ab Hausanschlusskasten 4 Prozent. Bei 230 Volt sind 3 Prozent knapp 6,9 Volt.

Für einen Wechselstromkreis ergibt sich die zulässige Länge aus dem zulässigen Spannungsfall, dem Querschnitt, der Leitfähigkeit von Kupfer und dem doppelten Weg. Gerechnet mit 56 Metern je Ohm und Quadratmillimeter:

Querschnitt bei 10 A bei 16 A bei 20 A
1,5 mm² rund 29 m rund 18 m rund 14 m
2,5 mm² rund 48 m rund 30 m rund 24 m
4 mm² rund 77 m rund 48 m rund 39 m

Das ist die Zahl, die im Einfamilienhaus zuerst reißt. Eine Steckdosenleitung vom Keller in den Dachboden legt schnell 20 bis 25 Meter zurück, und der Wert gilt ab Zählerplatz – was die Zuleitung zur Unterverteilung bereits verbraucht hat, steht dem Endstromkreis nicht mehr zur Verfügung. Ein Drehstromkreis kommt bei gleicher Leistung deutlich weiter, weil sich die Last auf drei Außenleiter verteilt.

Daraus folgt die Faustregel, die viele Elektrobetriebe ohnehin anwenden: 2,5 mm² für Steckdosenstromkreise, 1,5 mm² nur für Beleuchtung und kurze Wege. Nicht, weil die Leitung sonst warm würde, sondern weil sie sonst zu viel Spannung verliert. Welche Kreise in welchem Raum überhaupt vorzusehen sind, steht im Beitrag zu den Stromkreisen in Küche und Bad.

Die Sicherung muss im Fehlerfall auch wirklich abschalten

Die dritte Bedingung wird selten besprochen und ist im Bestand die heikelste. DIN VDE 0100-410 verlangt in TN-Systemen bei 230/400 Volt für Endstromkreise bis 32 Ampere eine Abschaltzeit von höchstens 0,4 Sekunden. Damit ein Leitungsschutzschalter das schafft, muss er magnetisch auslösen – und dafür muss im Fehlerfall genug Strom fließen.

Ein Automat mit B-Kennlinie nach DIN EN 60898 löst magnetisch spätestens beim Fünffachen seines Nennstroms aus. Bei einem B16 sind das 80 Ampere. Die gesamte Fehlerschleife – vom Transformator über das Netz, den Hausanschluss, den Verteiler, die Leitung und zurück – darf dafür rechnerisch höchstens 230 Volt geteilt durch 80 Ampere ergeben, also rund 2,9 Ohm.

Bei einem C16, der erst beim Zehnfachen magnetisch auslöst, halbiert sich dieser Wert auf rund 1,4 Ohm. Genau deshalb ist die C-Kennlinie im Wohnbereich die Ausnahme und nicht die Regel: Sie toleriert höhere Einschaltströme, verlangt dafür aber eine deutlich niedrigere Schleifenimpedanz – bei langen, dünnen Leitungen im Altbau oft mehr, als die Anlage hergibt. Ob die Bedingung erfüllt ist, lässt sich nicht abschätzen, sondern nur messen; die Schleifenimpedanzmessung gehört zu jeder Prüfung nach DIN VDE 0100-600.

Was Sie im Bestand tatsächlich prüfen können

Selbst messen können Sie nichts davon – am geöffneten Verteiler arbeitet die Elektrofachkraft. Drei Beobachtungen sind trotzdem aussagekräftig genug, um eine Prüfung auszulösen.

Erstens: Steht am Automaten eine höhere Zahl als 16, obwohl daran gewöhnliche Steckdosen hängen? Zweitens: Wird die Leitung an einer Abzweigdose oder ein Automat im Betrieb spürbar warm? Drittens: Fällt die Sicherung, obwohl nur normale Geräte laufen – ein Zeichen dafür, dass der Kreis zu viel trägt, nicht dafür, dass die Sicherung zu klein ist. Der Griff zum nächstgrößeren Automaten ist in diesem Fall die gefährlichste aller Reaktionen, weil er die Leitung schutzlos stellt, ohne dass man es sieht.

Lassen Sie bei jeder größeren Maßnahme drei Positionen in den Auftrag schreiben: die Bestandsaufnahme der vorhandenen Querschnitte und Verlegearten, die Messung der Schleifenimpedanz je Endstromkreis und ein Prüfprotokoll nach DIN VDE 0100-600. Das Protokoll ist die einzige Unterlage, mit der sich später belegen lässt, dass die Anlage geprüft war – und es gehört zusammen mit einem aktuellen Stromlaufplan samt Beschriftung in den Ordner. Wie sich die übrigen Schutzeinrichtungen dazu verhalten, steht in den Beiträgen zum FI-Schutzschalter im Bestand und zur Fehlerlichtbogen-Schutzeinrichtung.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. DIN VDE 0100-520 – Errichten von Niederspannungsanlagen, Kabel- und Leitungsanlagen (DKE)
  2. elektrofachkraft.de – DIN VDE 0298-4: Strombelastbarkeit von Kabeln und Leitungen
  3. DIN 18015-1:2020-05 – Elektrische Anlagen in Wohngebäuden, Planungsgrundlagen (DIN Media)
  4. ELEKTRO+ – Leitungsverluste und Spannungsfall in der Hausinstallation
  5. DKE – Erläuterungen zum Konzept von DIN VDE 0100-410:2018-10 (PDF)
  6. elektrofachkraft.de – Messpraktikum Schleifenimpedanz und Netzinnenwiderstand
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