Stromlaufplan und Beschriftung: Die Norm verlangt keinen Plan – sie verlangt die Zuordnung
Für eine Wohnungsinstallation lässt DIN VDE 0100-510 ausdrücklich eine Liste statt eines Schaltplans zu. Entscheidend ist, dass sich jede Schutzeinrichtung ihrem Stromkreis zuordnen lässt – und genau daran scheitert die übliche Beschriftung.

Das Wichtigste in Kürze
- DIN VDE 0100-510, Abschnitt 514.5.1, lässt für einfache Anlagen ausdrücklich eine Liste zu – ein zeichnerischer Stromlaufplan ist im Wohnhaus normativ nicht gefordert.
- Gefordert ist dagegen, dass jede Schutzeinrichtung ihrem Stromkreis eindeutig zugeordnet werden kann; Raumnamen leisten das nicht, weil ein Raum fast nie einem Stromkreis entspricht.
- Der Prüfbericht nach DIN VDE 0100-600 enthält die Messwerte der Anlage und ist das einzige Dokument, das Sie praktisch nur bei der Abnahme bekommen.
- DIN 18015-1:2020-05 hat die Anforderungen an die Dokumentation in Abschnitt 4.7 erweitert und Beispiele in einem neuen Anhang C ergänzt.
- Die Zuordnung aller Stromkreise lässt sich an einem Nachmittag zu zweit selbst herstellen; nur die Messwerte bleiben der Elektrofachkraft vorbehalten.
Im Verteiler steht auf dem dritten Automaten von links „Wohnzimmer“. Sie schalten ihn aus, und im Wohnzimmer bleibt das Licht an – dafür ist der Kühlschrank in der Küche stromlos. Diese Szene wiederholt sich in deutschen Hausanschlussräumen jeden Tag, und sie hat eine erstaunlich präzise normative Ursache: Die Beschriftung im Verteiler soll gar keine Räume benennen.
Wer nach „Stromlaufplan“ sucht, sucht meist etwas anderes als das, was er braucht. Ein Stromlaufplan ist eine Zeichnung mit Symbolen, Strompfaden und Betriebsmittelkennzeichen – für eine Steuerungsanlage unverzichtbar, für ein Einfamilienhaus in aller Regel überdimensioniert. Was im Wohnhaus fehlt, ist nicht die Zeichnung, sondern eine belastbare Liste.
Was die Norm verlangt – und was ausdrücklich genügt
DIN VDE 0100-510 regelt in Abschnitt 514 die Kennzeichnung. Abschnitt 514.1 fordert Schilder oder andere geeignete Kennzeichen, damit der Zweck eines Schalt- oder Steuergeräts erkennbar ist. Abschnitt 514.4 verlangt, dass Schutzeinrichtungen so angeordnet und gekennzeichnet sind, dass sich die geschützten Stromkreise leicht zuordnen lassen – eine gruppenweise Anordnung im Verteiler ist dafür zweckmäßig.
Der entscheidende Satz steht in Abschnitt 514.5.1. Danach müssen Schaltpläne, Diagramme oder Tabellen verfügbar sein, aus denen Art und Aufbau der Stromkreise hervorgehen: welche Verbrauchsmittel versorgt werden, Anzahl und Querschnitt der Leiter, die Art der Kabel und Leitungen, dazu die Merkmale, die zur Identifizierung der Schutz-, Trenn- und Schalteinrichtungen und ihrer Einbauorte nötig sind. Und dann folgt die Erleichterung, die kaum jemand kennt: Bei einfachen Anlagen dürfen diese Angaben in Form einer Liste gemacht werden.
Eine Wohnungs- oder Einfamilienhausinstallation ist eine solche einfache Anlage. Normativ geschuldet ist also eine vollständige Stromkreisliste – kein CAD-Plan. Wer vom Elektrobetrieb einen „Stromlaufplan“ verlangt, verlangt etwas, das teurer und für den Alltag weniger brauchbar ist als das, worauf er eigentlich Anspruch hat.
Ergänzend hat DIN 18015-1 in der Ausgabe 2020-05 die Anforderungen und Empfehlungen zur Dokumentation der ausgeführten Anlage in Abschnitt 4.7 erweitert und Beispiele in einem neuen Anhang C aufgenommen. Wenn Sie einen Vertrag über eine Neuinstallation schließen, ist der Verweis auf DIN 18015-1, Abschnitt 4.7 mit Anhang C die kürzeste Formulierung, mit der Sie eine brauchbare Dokumentation vereinbaren.
Der Raumname beschreibt keinen Stromkreis
Ein Stromkreis folgt der Leitungsführung, nicht dem Grundriss. In einer normgerecht geplanten Installation liegen die Steckdosen eines großen Wohnzimmers oft auf zwei Kreisen, während die Deckenleuchte am Beleuchtungskreis des halben Geschosses hängt. Der Kühlschrank hat einen eigenen Kreis, der Herd ohnehin. Die Etikette „Wohnzimmer“ ist deshalb nicht ungenau, sondern systematisch falsch: Sie ordnet einer Schutzeinrichtung einen Raum zu, obwohl die Norm die Zuordnung zum Stromkreis verlangt.
Brauchbar wird eine Beschriftung, wenn sie drei Angaben trägt: eine eindeutige Stromkreisnummer, die Art des Kreises (Beleuchtung, Steckdosen, Festanschluss) und die tatsächlich versorgten Verbrauchsstellen. „L12 – Steckdosen Wohnen Süd + Terrasse“ sagt im Störungsfall alles, was nötig ist. Die Nummer ist dabei wichtiger als der Text: Sie ist der Schlüssel, über den Verteilerschild, Stromkreisliste und die spätere Erweiterung zusammenfinden.
DIN EN 61439-1 fordert für Kennzeichnungen an Schaltgerätekombinationen, dass sie lesbar, dauerhaft und für die physikalische Umgebung geeignet sind, und verweist für die Referenzkennzeichen auf IEC 81346-1 und -2. Praktisch heißt das: ein handschriftlicher Bleistiftvermerk auf der Innenseite der Tür erfüllt die Anforderung nicht, ein maschinell erstelltes, laminiertes oder graviertes Schild schon. Ein Zettel, der bei der nächsten Revision aus dem Verteiler fällt, ist keine Dokumentation.
Der Prüfbericht ist das Dokument, das Sie nur einmal bekommen
Vor der Übergabe einer neuen oder geänderten Anlage ist nach DIN VDE 0100-600 eine Erstprüfung Pflicht, und über deren Ergebnis muss ein Prüfbericht erstellt werden. Er hält den Umfang der geprüften Anlage fest sowie die Ergebnisse von Besichtigen, Erproben und Messen. In diesem Bericht stehen die Zahlen, die eine Anlage später überhaupt erst vergleichbar machen.
Drei davon sollten Sie kennen, wenn Sie den Bericht in der Hand halten:
| Messgröße | Anforderung | Bedeutung |
|---|---|---|
| Isolationswiderstand | mindestens 1,0 MΩ bei 500 V Gleichspannung (Nennspannung bis 500 V) | zeigt, ob die Isolierung der Leitungen intakt ist |
| Abschaltzeit im TN-System | 0,4 s für Endstromkreise bis 32 A bei 230 V; 5 s für Verteilerstromkreise | zeigt, ob der Fehlerstrom die Sicherung schnell genug auslöst |
| Fehlerstrom-Schutzeinrichtung | Auslösung beim Bemessungsfehlerstrom, Prüfung nach DIN VDE 0100-410 | zeigt, ob der Zusatzschutz wirkt |
Nach DIN VDE 0100-410, Abschnitt 411.3.3 ist der zusätzliche Schutz durch eine Fehlerstrom-Schutzeinrichtung mit höchstens 30 mA auf Steckdosen bis einschließlich 32 A Bemessungsstrom erweitert worden – ein Punkt, der in älteren Anlagen regelmäßig nicht erfüllt ist und den der FI-Schutzschalter im Bestand im Detail behandelt.
Der Prüfbericht ist deshalb so wertvoll, weil er zeitgebunden ist. Nach der Abnahme kann ihn niemand mehr nachträglich erstellen, ohne die Anlage erneut komplett zu messen – und das kostet dann Stunden statt Minuten. Fordern Sie ihn zusammen mit der Schlussrechnung ein, nicht erst beim ersten Problem.
Die Zuordnung selbst herstellen
Wenn die Unterlagen fehlen, lässt sich der Zustand ohne Eingriff in die Anlage reparieren. Die Zuordnung von Schutzeinrichtung zu Verbrauchsstelle ist reine Beobachtung und erfordert keine Elektrofachkraft, solange der Verteilerdeckel geschlossen bleibt und Sie nur die Kippschalter der Automaten betätigen.
- Zeichnen Sie den Verteiler ab: jede Reihe, jeden Platz, jede vorhandene Aufschrift. Nummerieren Sie von links oben durch.
- Schalten Sie alles ein und stecken Sie in jede Steckdose der Wohnung ein Nachtlicht oder einen Steckdosenprüfer. Schalten Sie alle Leuchten ein.
- Schalten Sie einen Automaten nach dem anderen aus und lassen Sie eine zweite Person durch die Räume gehen und melden, was dunkel geworden ist.
- Notieren Sie das Ergebnis nicht als Raumname, sondern als Aufzählung der Verbrauchsstellen.
- Wiederholen Sie den Durchgang für Festanschlüsse: Herd, Durchlauferhitzer, Heizung, Garagentor, Außensteckdosen, Wallbox.
Zwei Personen brauchen dafür in einem Einfamilienhaus mit 15 bis 20 Stromkreisen etwa drei bis vier Stunden. Was dabei nicht entsteht, sind die Angaben zu Querschnitt, Leitungsart und Verlegeweg – die stehen in keiner Steckdose, sondern in der Wand. Welche Querschnitte zu welchen Absicherungen passen und warum dieselbe Leitung je nach Verlegeart unterschiedlich belastbar ist, behandelt der Beitrag zu Leitungsquerschnitt und Absicherung.
Wenn die Anlage wächst, wird die Liste zur Planungsgrundlage
Wallbox, Wärmepumpe, Klimagerät oder ein zweiter Arbeitsplatz führen dazu, dass ein Elektrobetrieb die vorhandene Belastung kennen muss. Ohne Stromkreisliste beginnt jedes Angebot mit einer Bestandsaufnahme, die Sie bezahlen. Mit Liste beginnt es mit der eigentlichen Frage. Dasselbe gilt für die Platzfrage im Verteiler, die bei jeder Erweiterung zuerst gestellt wird und die der Beitrag zur Modernisierung des Zählerschranks auflöst.
Wiederholungsprüfungen elektrischer Anlagen nach DIN VDE 0105-100 sind für Wohngebäude nicht mit einer starren Frist belegt; die Norm nennt keine festen Prüfintervalle, sondern lässt sie von Nutzung, Umgebungsbedingungen, Belastung und den Ergebnissen früherer Prüfungen abhängen. In der Praxis wird für Wohngebäude ein Abstand von etwa vier Jahren empfohlen. Als Vermieter sollten Sie diesen Rhythmus dokumentieren – nicht wegen der Norm, sondern weil im Schadensfall nur Unterlagen zeigen, dass Sie die Anlage im Blick hatten.
Was das kostet und womit Sie anfangen
Die nachträgliche Bestandsaufnahme einer Einfamilienhausinstallation mit Zuordnung aller Stromkreise, Beschriftung des Verteilers und Erstellung einer Stromkreisliste liegt je nach Anlagengröße und Zustand üblicherweise bei drei bis sechs Arbeitsstunden einer Elektrofachkraft; hinzu kommen die Messungen, wenn Sie zugleich einen Prüfbericht wollen. Preistreiber sind die Zahl der Stromkreise, unzugängliche Verteiler in mehreren Etagen und gewachsene Anlagen ohne erkennbare Systematik – hier kann der Aufwand deutlich höher liegen. Vergleichen Sie Angebote deshalb über den geschätzten Stundenumfang, nicht über eine Pauschale.
Beginnen Sie unabhängig davon heute mit dem billigsten Teil: Fotografieren Sie Ihren geöffneten Verteiler und das Typenschild jedes Automaten. Legen Sie das Bild zusammen mit allen vorhandenen Unterlagen in einem Ordner ab, der nicht im Keller liegt. Wenn Sie ohnehin eine Sanierung planen, gehört die Dokumentation als eigene Position ins Leistungsverzeichnis – wie sie sich in die Reihenfolge einer Altbauerneuerung einfügt, zeigt der Beitrag zur Elektroinstallation im Altbau.
Quellen und weiterführende Informationen
- Elektropraktiker: Beschriftung in Schaltschränken – normative Grundlagen der Kennzeichnung
- elektro.net: Beschriftung ist Pflicht
- elektrofachkraft.de: Erstprüfung nach DIN VDE 0100-600
- DEHN: Aktualisierung der DIN 18015-1:2020-05
- Baunormenlexikon: DIN 18015-1, Ausgabe 2020-05
- DKE: Erläuterungen zum Konzept von DIN VDE 0100-410 (VDE 0100-410):2018-10

















