Erdungsanlage im Altbau: Warum das Haus jahrzehntelang ohne Erder auskam
In einem TN-Netz braucht die Schutzabschaltung keinen eigenen Erder — deshalb fällt sein Fehlen nie auf. Zum Problem wird er erst bei Überspannungsschutz, Blitzschutz oder Photovoltaik.

Das Wichtigste in Kürze
- Im TN-System ist ein eigener Anlagenerder für die automatische Abschaltung nicht erforderlich; DIN VDE 0100-410 spricht nur eine Empfehlung aus.
- Metallene Wasserleitungen dürfen seit dem Wegfall der DIN VDE 0190 im Jahr 1990 weder als Erder noch als Schutzleiter dienen.
- Ein nachgerüsteter Ringerder gehört in mindestens 0,8 Meter Tiefe und besteht aus V4A oder Kupfer — feuerverzinkter Stahl ist im Erdreich unzulässig.
- Von einem Tiefenerder gelten die ersten 0,5 Meter als unwirksam; als Mindestlänge werden 3 Meter angesetzt.
- Fundamenterder im Einfamilienhaus erreichen üblicherweise Ausbreitungswiderstände zwischen 2 und 6 Ohm.
Wer in einem Haus aus den Fünfzigern oder Sechzigern den Keller absucht, findet häufig keinen Erder. Kein Fundamenterder, kein Ringerder, keine Anschlussfahne, die aus dem Estrich ragt. Stattdessen oft eine Schelle an der metallenen Wasserleitung, gesetzt von jemandem, der wusste, was er tat — nach den Regeln seiner Zeit.
Erstaunlich ist nicht, dass der Erder fehlt. Erstaunlich ist, dass es über Jahrzehnte keine Rolle gespielt hat. Und das hat einen technischen Grund, der die ganze Frage erklärt.
In einem TN-Netz erdet das Versorgungsnetz mit
Die deutsche Niederspannungsversorgung ist ganz überwiegend als TN-System aufgebaut. Der PEN-Leiter des Netzes bringt das Schutzpotential ins Haus, und die Schutzmaßnahme „Schutz durch automatische Abschaltung der Stromversorgung“ stützt sich genau auf diesen Leiter. Ein eigener Erder der Verbraucheranlage ist dafür nicht gefordert. DIN VDE 0100-410 in der Ausgabe 2018-10 spricht in Anmerkung 2 zu Abschnitt 411.4.2 lediglich eine Empfehlung aus: Schutzleiter oder PEN-Leiter sollten an der Eintrittsstelle in ein Gebäude geerdet werden.
Anders im TT-System, das vor allem in ländlichen Gebieten und bei älteren Freileitungsanschlüssen vorkommt: Dort steht kein Schutzleiter des Netzes zur Verfügung, die Abschaltbedingung wird über den Anlagenerder und eine Fehlerstrom-Schutzeinrichtung hergestellt. Hier ist der Erder kein Zubehör, sondern Voraussetzung der Schutzmaßnahme.
Der erste Schritt jeder Beurteilung ist deshalb die Feststellung der Netzform. Sie steht nicht am Zählerschrank angeschrieben; sie wird von der Elektrofachkraft ermittelt und ist häufig auch beim Netzbetreiber zu erfragen.
Die Wasserleitung ist seit 1990 endgültig kein Erder mehr
Die Schelle am Wasserrohr hatte ihre Berechtigung, solange das öffentliche Rohrnetz aus Guss und Stahl bestand und durchgehend leitfähig war. Mit Kunststoffrohren, Kunststoffzwischenstücken und ausgewechselten Anschlussleitungen ist diese Voraussetzung entfallen.
Die Konsequenz war formal früh gezogen: DIN VDE 0190 verlangte bereits in der Ausgabe von 1986 die Umrüstung bestehender Anlagen bis zum 1. Januar 1990, die Norm selbst wurde zum 30. September 1990 zurückgezogen. Ihre Nachfolgerin DIN VDE 0100-540 zählt in Abschnitt 543.2 ausdrücklich auf, was nicht als Schutzleiter oder Schutzpotentialausgleichsleiter verwendet werden darf — metallene Wasserleitungen stehen an erster Stelle, Metallrohre mit brennbaren Inhalten an zweiter.
Das heißt nicht, dass die Wasserleitung aus der Betrachtung verschwindet. Sie wird weiterhin angeschlossen, nur in die andere Richtung: als leitfähiges Teil, das auf Hauspotential gebracht werden muss. Wie das geschieht und welche Querschnitte dafür gelten, gehört zum Hauptpotentialausgleich und nicht zur Erdungsanlage.
Der Moment, in dem das Fehlen teuer wird
Solange nichts hinzukommt, bleibt der erderlose Altbau unauffällig. Auffällig wird er mit dem nächsten Vorhaben.
Ein Überspannungsschutz leitet Stoßströme gegen Erde ab. Ohne niederohmige Erdungsanlage hat er kein Ziel, und die Schutzwirkung bleibt hinter dem zurück, was das Datenblatt verspricht; die Stufenlogik dazu steht im Beitrag zum mehrstufigen Überspannungsschutz. Ein äußerer Blitzschutz ist ohne Erdungsanlage gar nicht errichtbar — die Ableitungen müssen irgendwo enden, und die Anforderungen an Maschenweite und Anschlusspunkte sind dort strenger als in der reinen Elektroinstallation, wie der Beitrag zum äußeren Blitzschutz zeigt.
Hinzu kommen Photovoltaik, Batteriespeicher und Wärmepumpe: Sie bringen Gleichstromkreise, Wechselrichter und lange Leitungswege ins Haus, für die ein Funktionspotentialausgleich sinnvoll und ein definiertes Erdpotential nötig ist. Und schließlich zwingt schon die Modernisierung des Zählerschranks zur Ertüchtigung, weil der Fundamenterder nach DIN VDE 0100-540 über einen Erdungsleiter mit der Haupterdungsschiene zu verbinden ist — eine Schiene ohne Erder ist eine halbe Anlage.
Drei Wege, im Bestand einen Erder herzustellen
Der Ringerder ist der Regelfall der Nachrüstung. Er wird als geschlossener Ring im Erdreich um das Gebäude gelegt und erreicht damit einen annähernd ebenso guten Erdungswiderstand wie ein einbetonierter Fundamenterder. Sein Preis entsteht fast vollständig im Tiefbau: Ein umlaufender Graben ist nur dort günstig, wo ohnehin gegraben wird — bei einer Perimeterdämmung, einer Drainage, einer neuen Terrasse oder der Sanierung der Kellerabdichtung. Wer diesen Anlass hat, sollte den Erder mitverlegen, auch ohne aktuellen Bedarf.
Tiefenerder, senkrecht ins Erdreich getrieben, sind die Lösung ohne Graben. Die ersten 0,5 Meter gelten als nicht wirksam, weshalb in der Praxis mindestens 3 Meter angesetzt werden; das lässt sich auch durch zwei Stäbe von je 1,5 Metern erreichen. Ihr Vorteil ist, dass sie tiefere und gleichmäßiger feuchte Bodenschichten erreichen; ihr Nachteil, dass sie in steinigem Untergrund an Grenzen stoßen und ein einzelner Stab nur einen kleinen Bodenbereich erfasst.
Ein echter Fundamenterder kommt im Bestand nur bei Anbauten, Garagen oder einer neuen Bodenplatte in Betracht. Dann gilt DIN 18014 unmittelbar, und die Anlage wird wie im Neubau errichtet und dokumentiert.
Werkstoff und Tiefe entscheiden über die Lebensdauer
Hier wird bei Eigenleistung der folgenschwerste Fehler gemacht. Verzinkter Bandstahl ist dauerhaft nur im Beton korrosionsgeschützt; im Erdreich ist feuerverzinktes Material unzulässig. Für den Ringerder kommen deshalb nichtrostende Stähle mit einem Molybdänanteil über 2 Prozent infrage — V4A mit den Werkstoffnummern 1.4571 oder 1.4404 — oder Kupferwerkstoffe.
Die Abmessungen sind festgelegt: Rundstahl ab 10 Millimeter Durchmesser, Bandstahl ab 30 mal 3,5 Millimeter, mehrdrähtiges Kupferseil ab 50 Quadratmillimeter Querschnitt. Für einbetonierte Erder genügt eine Betonumhüllung von mindestens 5 Zentimetern, um Korrosion auszuschließen.
Die Verlegetiefe ist keine Frage des Frostschutzes allein, sondern der Konstanz: Der Erdübergangswiderstand soll über das Jahr gleich bleiben. In Deutschland bedeutet das mindestens 0,8 Meter Tiefe und eine Lage, in der das Erdreich durchfeuchtet bleibt. Bei großen Dachüberständen gehört der Ring deshalb außerhalb des trockenen Traufstreifens. Anschlussfahnen sollen innen ab der Eintrittsstelle 1,5 Meter lang sein und außen 1,5 Meter über Bodenoberkante reichen.
Was Sie ohne Messgerät selbst feststellen können
Drei Befunde lassen sich mit einer Taschenlampe erheben, ohne etwas zu öffnen oder abzuschalten.
Erstens: Gibt es überhaupt eine Haupterdungsschiene? Sie sitzt meist in der Nähe des Hausanschlusskastens, ist an der Wand befestigt und trägt mehrere grün-gelbe Leiter sowie verzinkte oder blanke Bänder. Fehlt sie, endet die Suche hier, und die Anlage entspricht in diesem Punkt nicht dem Stand der Technik.
Zweitens: Kommt an dieser Schiene eine Leitung von außen oder von unten an — aus dem Estrich, durch die Kellerwand, aus dem Fundament? Nur dann existiert überhaupt ein Erder. Ein Band, das ausschließlich zu Rohrleitungen im Keller führt, ist Potentialausgleich, keine Erdung.
Drittens: Sitzt noch eine Erdungsschelle am Wasserzähler oder eine Überbrückung darüber? Sie darf dort nicht mehr als Erdungseinrichtung dienen und muss vor dem nächsten Austausch der Anschlussleitung durch einen eingetragenen Fachbetrieb entfernt werden — auf Veranlassung und Kosten des Anschlussnehmers.
Fotografieren Sie die Befunde, bevor Sie einen Betrieb rufen. Sie verkürzen damit die Bestandsaufnahme erheblich, und die Dokumentation der Erdungsanlage, die DIN 18014 ausdrücklich verlangt, beginnt ohnehin mit genau solchen Aufnahmen.
Was der gemessene Widerstand aussagt
Der Ausbreitungswiderstand wird mit einem Erdungsmessgerät über Hilfselektroden bestimmt. Fundamenterder von Einfamilienhäusern liegen üblicherweise zwischen 2 und 6 Ohm.
Eine feste Grenze von zehn Ohm, die in Foren gern zitiert wird, gibt es in dieser Allgemeinheit nicht. Im TT-System ergibt sich der zulässige Wert rechnerisch aus dem Bemessungsdifferenzstrom der Fehlerstrom-Schutzeinrichtung: Bei 300 Milliampere reichen rechnerisch 166 Ohm, bei 30 Milliampere sogar weit mehr. Berücksichtigt man die Messgerätetoleranz von rund 30 Prozent und die jahreszeitliche Schwankung des Bodens von ebenfalls rund 30 Prozent, darf im ersten Fall am Messgerät nicht mehr als etwa 98 Ohm stehen. Für Blitzschutz und Überspannungsschutz gelten dagegen deutlich schärfere Anforderungen, weil es dort nicht um Abschaltung, sondern um Ableitung geht.
Beginnen Sie deshalb nicht mit dem Angebot, sondern mit zwei Feststellungen: Lassen Sie die Netzform bestimmen und den vorhandenen Erdungswiderstand messen, bevor irgendwo gegraben wird. Steht anschließend ohnehin eine Maßnahme am Haus an, bei der Erdreich geöffnet wird, gehört der Ringerder in dieselbe Ausschreibung. Und wenn im gleichen Zug die Verteilung erneuert wird, klären Sie beides zusammen — die Anforderungen dazu stehen in der Modernisierung des Zählerschranks.
Quellen und weiterführende Informationen
- DEHN — Der Fundamenterder: Werkstoffe, Abmessungen, Ringerder im Bestand, Verlegetiefe, Maschenweiten
- DEHN — Wegfall des Wasserrohrnetzes als Erder: DIN VDE 0190, DIN VDE 0100-540 Abschnitt 543.2, Erdung in TN- und TT-Systemen
- Baunormenlexikon — DIN 18014:2023-06, Erdungsanlagen für Gebäude: Planung, Ausführung, Dokumentation
- BauNetz Wissen — Fundamenterder: Aufbau, Anschlussfahnen, Anforderungen
- HEA — Erdungsanlagen für Neubau und Bestand (Fachvortrag GET Nord 2024)
















