Innendämmung im Altbau: Die Fassade muss messbar dicht sein, nicht nur unauffällig aussehen
Ob eine Wand von innen gedämmt werden darf, entscheidet der Schlagregenschutz der Außenseite — und der ist eine Zahl. Was vorher gemessen wird, welche Grenzwerte gelten und warum Balkenköpfe die kritischste Stelle sind.

Das Wichtigste in Kürze
- DIN 4108-3 teilt Deutschland in drei Schlagregenbeanspruchungsgruppen: unter 600, 600 bis 800 und über 800 Millimeter Jahresniederschlag.
- Ab Gruppe III muss der Außenputz wasserabweisend sein — das heißt ein Wasseraufnahmekoeffizient unter 0,5 kg/(m²√h) bei einem sd-Wert bis 2,0 Meter.
- Balkenköpfe in der Außenwand sind das kritischste Bauteil: Dauerhaft über 20 Prozent Holzfeuchte bedeutet Fäulnisrisiko in einem Bauteil, das niemand sieht.
- Die Schimmelgrenze nach DIN 4108-2 liegt bei 12,6 Grad Oberflächentemperatur unter Normbedingungen; darunter wird Innendämmung zur Ursache statt zur Lösung.
Eine Innendämmung nimmt der Außenwand ihre Wärme. Das ist der gewünschte Effekt — und zugleich die ganze Schwierigkeit. Die tragende Wand liegt danach dauerhaft kälter, sie trocknet nach innen kaum noch aus, und was an Wasser von außen hineingelangt, bleibt länger drin als vorher.
Deshalb beginnt die Planung nicht mit der Wahl des Dämmstoffs, sondern mit zwei Fragen an die vorhandene Wand: Wie viel Wasser lässt ihre Außenseite durch, und wie viel steckt schon in ihr? Beides ist messbar. Ein Blick auf einen unauffälligen Putz ersetzt keine der beiden Antworten.
Der Schlagregenschutz ist eine Zahl, kein Eindruck
DIN 4108-3 teilt Deutschland in drei Schlagregenbeanspruchungsgruppen. Gruppe I umfasst Regionen mit weniger als 600 Millimetern Jahresniederschlag, Gruppe II die Spanne von 600 bis 800 Millimetern, Gruppe III alles darüber — in der Praxis die höheren Lagen der westlichen Bundesländer und die Küstenregionen. In Gruppe I gibt es keine besondere Anforderung an den Außenputz, in Gruppe II muss er wasserhemmend sein, in Gruppe III wasserabweisend.
Hinter diesen Wörtern stehen Kennwerte. Der Wasseraufnahmekoeffizient w beschreibt, wie viel Wasser je Quadratmeter und Wurzel Stunde in die Außenschicht eindringt; wasserhemmend heißt w bis 2,0 kg/(m²√h), wasserabweisend weniger als 0,5. Zusätzlich wird die Dampfdurchlässigkeit begrenzt: Der sd-Wert der Außenschicht darf 2,0 Meter nicht überschreiten, und auch das Produkt aus beiden Größen ist nach oben gedeckelt. Der Grund für diese Doppelbedingung ist einleuchtend — eine Fassade, die kein Wasser hereinlässt, aber auch keines herauslässt, ist für eine innen gedämmte Wand die schlechteste aller Varianten.
Praktisch heißt das: Bevor irgendeine Dämmplatte bestellt wird, gehören der Zustand von Putz, Fugen, Fensterbänken, Anschlussblechen und Sockel in ein Protokoll. Risse ab etwa 0,2 Millimetern Breite, hohl liegender Putz, offene Stoßfugen im Sichtmauerwerk und schadhafte Fallrohranschlüsse sind Ausschlussgründe, keine Schönheitsfehler. Sie werden instand gesetzt — und danach wird eine Trocknungsphase eingeplant, bevor die Innenseite geschlossen wird.
Sichtmauerwerk, das aus denkmalpflegerischen Gründen nicht verputzt werden darf, ist der häufigste Fall, in dem eine Innendämmung ausscheidet oder nur mit hygrothermischer Simulation und reduzierter Dämmstärke vertretbar ist. Die grundsätzliche Abwägung zwischen beiden Wegen behandelt der Vergleich von Innen- und Außendämmung.
Was in der Wand steckt, bevor man sie zumacht
Der zweite Befund betrifft die Wand selbst. Aufsteigende Feuchte aus dem Sockelbereich, seitlich eindringendes Wasser an erdberührten Abschnitten, alte Leitungsschäden und bauzeitliche Salze verhalten sich nach der Dämmung anders als davor — sie wandern weiter, aber trocknen nicht mehr weg.
Aussagekräftig sind drei Untersuchungen. Erstens die Feuchtebestimmung aus Bohrmehl im Darrverfahren, gewonnen in mehreren Tiefen; sie liefert im Gegensatz zum elektrischen Handmessgerät einen belastbaren Massenanteil. Zweitens eine Salzanalyse auf Nitrate, Sulfate und Chloride, weil hygroskopische Salze Feuchte aus der Raumluft ziehen und jede Messung verfälschen. Drittens eine Öffnung an einer unauffälligen Stelle, die zeigt, was tatsächlich verbaut ist — Zweischaligkeit, Hohlräume, alte Bitumenanstriche, verfüllte Nischen.
Salzbelastetes Mauerwerk ist der Punkt, an dem kapillaraktive Systeme an ihre Grenze kommen: Sie leben davon, Feuchte nach innen zurückzuführen, und transportieren dabei auch die Salze mit — bis sie an der Oberfläche auskristallisieren und den Putz absprengen. Hier führt der Weg über ein Sanierputzsystem und eine getrennte Betrachtung des Sockels, etwa mit einer Horizontalsperre.
Balkenköpfe: das Bauteil, das niemand kontrolliert
In Gebäuden mit Holzbalkendecken liegen die Balkenenden in Taschen der Außenwand. Vor der Dämmung sind sie von einer Wand umgeben, die im Winter durchwärmt wird und Feuchte nach innen abgibt. Danach sinkt die Temperatur an dieser Stelle um mehrere Kelvin, und die relative Feuchte in der Balkentasche steigt entsprechend.
Der Schwellenwert ist bekannt: Dauerhaft über 20 Prozent Holzfeuchte besteht die Gefahr eines Pilzbefalls, und holzzerstörende Pilze arbeiten in einem Bauteil, das weder sichtbar noch zugänglich ist. Bemerkt wird der Schaden häufig erst, wenn der Balken federt.
Deshalb gehört jeder Balkenkopf in die Planung, nicht in die Ausführung. Übliche Lösungen sind eine seitliche Auskeilung der Dämmung entlang des Balkens, ein bewusst belassener Luftraum um den Balkenkopf mit Anbindung an die Raumluft, und in kritischen Fällen der Verzicht auf Dämmung im Deckenanschlussbereich. Wer auf Nummer sicher gehen will, lässt bei der Ausführung Messpunkte für die Holzfeuchte einbauen — eine Bohrung mit Hülse je kritischem Balken, ablesbar ohne Öffnung der Wand.
Die 12,6 Grad, die über Schimmel entscheiden
Für die Innenoberfläche gibt DIN 4108-2 ein klares Kriterium vor: Der Temperaturfaktor fRsi muss mindestens 0,70 betragen. Unter den Normbedingungen von 20 Grad innen und minus 5 Grad außen entspricht das einer Oberflächentemperatur von 12,6 Grad. Darunter erreicht die relative Feuchte an der Oberfläche 80 Prozent — den Wert, ab dem Schimmelpilze keimen, lange bevor irgendwo Tauwasser sichtbar wird.
Die Flächendämmung hilft dabei zuverlässig. Kritisch sind die Stellen, an denen sie endet: einbindende Innenwände, Deckenanschlüsse, Fensterlaibungen, Rollladenkästen. Dort wird die Oberfläche nach der Maßnahme kälter als vorher, weil die warme Fläche daneben ihre Wärme nicht mehr an sie abgibt. Ein Raum, der zuvor großflächig feuchte Wände hatte, bekommt danach konzentrierte Probleme in den Ecken — dasselbe Muster wie bei Schimmel an Fensterlaibungen.
Hinter der Dämmplatte darf kein Hohlraum sein
Der häufigste Ausführungsfehler hat nichts mit dem Dämmstoff zu tun, sondern mit dem Kleber. Innendämmplatten werden vollflächig aufgebracht — im Kammbettverfahren, bei kapillaraktiven Systemen zusätzlich mit angedrücktem Kontakt zur Wand. Die von Trockenbauplatten gewohnte Punkt-Wulst-Klebung ist hier ein Konstruktionsfehler.
Der Grund ist die Luft, die in einem Hohlraum zwischen Dämmplatte und Mauerwerk steht. Sie ist Raumluft, sie enthält Raumluftfeuchte, und sie liegt an der kältesten Fläche der Konstruktion an. Was dort ausfällt, sieht niemand, und es trocknet auch nicht mehr weg, weil die Platte davor den Rückweg versperrt. Aus demselben Grund sind Vorsatzschalen aus Ständerwerk vor einer Außenwand nur dann zulässig, wenn der Hohlraum vollständig mit Dämmstoff gefüllt und raumseitig luftdicht geschlossen ist — eine bewusst belüftete Luftschicht gibt es bei Innendämmung nicht.
Die zweite Regel betrifft alles, was die Ebene durchdringt. Steckdosen, Leitungen, Rohrdurchführungen und Befestigungen für Hängeschränke sind bei dampfbremsenden Aufbauten Leckstellen. Der saubere Weg ist eine Installationsebene von 30 bis 40 Millimetern raumseitig vor der Dichtebene: Dann liegen Dosen und Leitungen im Warmen, und keine Schraube geht durch die Folie. Wo das am Platz scheitert, werden Durchdringungen einzeln mit Manschetten und systemgeprüften Klebebändern ausgeführt — nicht mit Acryl.
Lassen Sie die Luftdichtheit vor dem Verputzen prüfen. Eine Differenzdruckmessung mit Leckageortung kostet im Einfamilienhaus einen mittleren dreistelligen Betrag und findet genau die Stellen, die später nicht mehr erreichbar sind. Nach dem Verputzen ist die Messung immer noch sinnvoll, die Reparatur aber deutlich teurer.
Die Hälfte des Feuchteschutzes passiert im Raum
Nach der Dämmung ist die Wohnung dichter und die Wand als Feuchtepuffer ausgefallen. Beides verschiebt die Feuchtebilanz der Raumluft nach oben, und zwar sofort. Ein Vierpersonenhaushalt gibt über Atmung, Kochen, Duschen und Wäsche mehrere Liter Wasser am Tag an die Raumluft ab; wohin dieses Wasser geht, war vorher eine andere Frage als nachher.
Legen Sie deshalb im selben Zug fest, wie gelüftet wird. Bei Fensterlüftung sind kurze Stoßlüftungen mehrmals täglich die einzige Variante, die im Winter funktioniert; zuverlässiger ist eine mechanische Lösung, deren Auswahl der Vergleich zentraler und dezentraler Lüftung behandelt. Zwei einfache Thermo-Hygrometer in den kritischsten Räumen kosten wenig und zeigen in der ersten Heizperiode, ob die Rechnung aufgeht: dauerhaft über 60 Prozent relative Feuchte bei 20 Grad ist ein Warnsignal, unabhängig davon, wie neu die Dämmung ist.
Als Nächstes konkret: Lassen Sie die Schlagregenbeanspruchungsgruppe für Ihren Standort bestimmen und den Außenputz beurteilen, veranlassen Sie eine Bohrmehlanalyse an zwei bis drei Stellen je Fassadenseite und klären Sie die Lage der Balkenköpfe anhand alter Pläne oder einer Endoskopie. Erst wenn diese drei Befunde vorliegen, ist ein Angebot über ein Dämmsystem überhaupt beurteilbar.
Quellen und weiterführende Informationen
- Ausbau + Fassade: Schlagregenschutz und Innendämmung
- BauNetz Wissen: Innendämmung – Bauphysik und Systeme
- Baubiologie: Innendämmung und Schutz vor tauwasserbedingten Feuchteschäden
- Gebäudeforum klimaneutral: Mindestwärmeschutz nach DIN 4108-2
- Gebäudeforum klimaneutral: Innendämmung mit biobasierten Dämmstoffen
- Verbraucherzentrale: Wärmedämmung für Dach, Fassade und Keller

















