Niedertemperatur-Heizkörper im Altbau: Die kleine Spreizung vervierfacht den Volumenstrom

Wer die Vorlauftemperatur senkt, muss die Spreizung verkleinern — und damit steigt der Volumenstrom auf das Vierfache. Im Altbau scheitert die Niedertemperatur deshalb häufiger am Rohrnetz und an der Pumpe als am Heizkörper.

Weiß lackierter Gussheizkörper mit Thermostatkopf an einer Altbauwand über Holzdielen
Weiß lackierter Gussheizkörper mit Thermostatkopf an einer Altbauwand über HolzdielenFoto: Mirkur / Wikimedia CommonsCC BY-SA 4.0

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Heizkörper kann sein Wasser nicht unter Raumtemperatur abkühlen: Bei 35 Grad Vorlauf bleiben rechnerisch höchstens 13 Kelvin Spreizung, in der Praxis arbeitet man mit 5.
  • Dieselbe Wärmemenge bei 5 statt 20 Kelvin Spreizung bedeutet den vierfachen Volumenstrom — und rund den sechzehnfachen Druckverlust im selben Rohr.
  • In einem Einrohrstrang mit sechs Heizkörpern kommen am letzten rechnerisch rund 12 Kelvin weniger an als am ersten; kein Heizkörpertausch gleicht das aus.
  • Der aussagekräftigste Test kostet nichts: Oberflächentemperatur am Vorlauf des ersten und des letzten Heizkörpers eines Strangs, gemessen am kalten Tag.

Die übliche Erzählung über Niedertemperatur im Altbau dreht sich um Heizflächen: zu klein, zu alt, muss raus. Wer danach die Heizkörper vergrößert hat und die Vorlauftemperatur trotzdem nicht dauerhaft unter 50 Grad bekommt, sucht den Fehler meistens an der falschen Stelle. Er sitzt nicht an der Wand, sondern im Fußboden und im Schacht.

Der Grund ist eine Kette, die sich nicht auftrennen lässt: Eine niedrige Vorlauftemperatur erzwingt eine kleine Temperaturspreizung. Eine kleine Spreizung erzwingt einen großen Volumenstrom. Und ein großer Volumenstrom trifft im Altbau auf Rohre, die für das Gegenteil dimensioniert wurden.

Warum bei 35 Grad Vorlauf nur noch fünf Kelvin übrig bleiben

Ein Heizkörper gibt Wärme ab, indem das Wasser darin abkühlt. Wie weit es abkühlen kann, begrenzt die Raumtemperatur: Unter 20 Grad geht es nicht, und weil der Wärmeübergang zum Ende der Heizfläche hin immer schwächer wird, bleibt der Rücklauf deutlich darüber.

Bei 70 Grad Vorlauf ist das kein Thema. Zwischen 70 und 50 Grad liegen 20 Kelvin, und selbst bei 50 Grad Rücklauf ist der Abstand zur Raumluft noch komfortabel. Bei 35 Grad Vorlauf sieht die Rechnung anders aus: Bis zur Raumtemperatur bleiben theoretisch 13 bis 15 Kelvin, praktisch nutzbar sind davon etwa fünf. Genau deshalb wird eine Wärmepumpenanlage auf 35/30 oder 45/40 ausgelegt und nicht auf 35/20.

Die Wärmemenge, die ein Raum braucht, ändert sich dadurch nicht. Sie muss nur mit weniger Temperaturdifferenz transportiert werden — und das geht ausschließlich über mehr Wasser. Die Umrechnung ist einfach: Der Volumenstrom in Litern je Stunde entspricht der Heizlast in Watt, geteilt durch 1,163 und durch die Spreizung in Kelvin.

Auslegung Spreizung Volumenstrom für 1.200 W Volumenstrom für 9 kW Gebäudeheizlast
70/50 20 K rund 52 l/h rund 390 l/h
55/45 10 K rund 103 l/h rund 775 l/h
40/35 5 K rund 206 l/h rund 1.550 l/h

Vier Mal so viel Wasser durch dieselben Rohre. Der Druckverlust einer Rohrstrecke wächst näherungsweise mit dem Quadrat der Strömungsgeschwindigkeit — aus dem vierfachen Durchfluss wird also grob der sechzehnfache Widerstand.

Was ein altes Verteilrohr noch hergibt

Rechnen Sie das Beispiel weiter. Ein mittelschweres Gewinderohr in Dreiviertelzoll, wie es in Kellerverteilungen der 1960er- und 1970er-Jahre üblich war, hat einen lichten Querschnitt von gut 21 Millimetern. Bei 390 Litern pro Stunde strömt das Wasser darin mit etwa 0,3 Metern je Sekunde — unauffällig. Bei 1.550 Litern pro Stunde sind es rund 1,2 Meter je Sekunde.

Damit ist eine Grenze überschritten, die in der Planungspraxis seit Jahrzehnten gilt: Oberhalb von etwa einem Meter je Sekunde werden Heizungsleitungen hörbar. Es rauscht an Bögen, es pfeift an Ventilen, und der Druckverlust steigt überproportional. Wohlgemerkt geht es hier um die Verteilleitung im Keller, nicht um die Anbindung eines einzelnen Heizkörpers — eine 15er-Kupferleitung zu einem Raum verkraftet den vierfachen Durchfluss meist noch problemlos.

Die zweite Grenze zieht die Pumpe. Umwälzpumpen für Einfamilienhäuser werden grob in 4-Meter- und 6-Meter-Typen unterschieden, wobei die Angabe nicht die Gebäudehöhe beschreibt, sondern die Druckdifferenz, die die Pumpe gegen alle Widerstände aufbauen kann. Für ein normal verzweigtes Einfamilienhaus reichen üblicherweise 2,5 bis 3 Meter. Verfünfzehnfacht sich der Netzwiderstand, hilft auch die 6-Meter-Pumpe nicht mehr weiter; sie schiebt dann Strom in Reibung statt Wärme in Räume.

Der Querschnitt, den die Anlage selbst verkleinert hat

In einer vierzig Jahre alten Anlage ist der lichte Querschnitt nicht mehr der, der auf dem Rohr steht. Sauerstoff, der über undichte Stellen, offene Ausdehnungsgefäße oder wiederholtes Nachfüllen ins System gelangt, erzeugt Magnetit — feinen schwarzen Eisenschlamm, der sich in strömungsarmen Bereichen absetzt. VDI 2035 beschreibt die Wasserqualität, die das verhindern soll; in Bestandsanlagen wurde sie jahrzehntelang nicht beachtet.

Solange die Anlage mit 20 Kelvin Spreizung und niedrigem Durchfluss lief, fiel das kaum auf: Reserve war reichlich vorhanden. Bei vierfachem Volumenstrom ist sie es nicht mehr. Jede Verengung wirkt jetzt im Quadrat, und Schlamm setzt sich bevorzugt dort ab, wo es ohnehin eng ist — in Ventilen, Rücklaufverschraubungen und den unteren Kammern der Heizkörper.

Praktisch heißt das: Wer die Vorlauftemperatur senken will, sollte vorher wissen, was im Wasser ist. Eine Probe an der Füll- und Entleerungsarmatur kostet wenig; schwarz gefärbtes Wasser ist Befund genug. Eine Spülung und ein Schlamm- beziehungsweise Magnetitabscheider im Rücklauf vor dem Wärmeerzeuger gehören dann vor jede Entscheidung über neue Heizkörper — sonst landet der Schlamm nach dem Umbau im teuersten Bauteil der Anlage.

Der Strang, an dem der letzte Heizkörper verliert

Bei einer Einrohrheizung verschärft sich das Ganze noch einmal grundsätzlich. Hier hängen die Heizkörper nicht parallel an Vor- und Rücklauf, sondern in Reihe an einem durchlaufenden Strang. Vor jedem Heizkörper wird ein Teil des Wassers abgezweigt, dahinter wieder eingemischt. Üblich sind Beimischanteile von 35 bis 50 Prozent.

Die Folge lässt sich durchrechnen. Angenommen, der Strang startet mit 45 Grad, jeder Heizkörper zweigt 35 Prozent ab und kühlt sein Teilwasser um 7 Kelvin ab. Dann liegt die Strangtemperatur hinter dem ersten Heizkörper bei 42,6 Grad, hinter dem zweiten bei 40,1, und der sechste Heizkörper bekommt nur noch rund 32,8 Grad zu sehen — über 12 Kelvin weniger als der erste.

Dieser Verlust lässt sich durch keinen Heizkörpertausch heilen. Er entsteht vor dem Heizkörper, nicht in ihm. Man kann die Heizfläche am Strangende vergrößern, um mit der niedrigeren Eintrittstemperatur zurechtzukommen — welche Leistung dabei realistisch übrig bleibt, zeigt die Gegenüberstellung der Heizkörperleistung bei niedriger Vorlauftemperatur. Was man nicht kann: die Strangtemperatur anheben, ohne alle vorgelagerten Räume zu überheizen.

Ein Test, der nichts kostet

Bevor irgendetwas bestellt wird, klären zwei Messungen an einem kalten Tag mehr als jedes Angebot.

  1. Strangtest. Messen Sie mit einem Infrarotthermometer die Vorlauftemperatur direkt am Anschluss des ersten und des letzten Heizkörpers eines Strangs, bei voll geöffneten Thermostatköpfen. Liegen zwischen beiden mehr als acht Kelvin, haben Sie entweder einen Einrohrstrang oder eine massiv fehlverteilte Zweirohranlage.
  2. Spreizungstest. Messen Sie an einem einzelnen Heizkörper Vor- und Rücklauf. Über 15 Kelvin Differenz bei laufender Heizung heißt: Es fließt zu wenig Wasser. Unter 3 Kelvin heißt das Gegenteil.
  3. Rohrtest. Notieren Sie im Keller den Außendurchmesser der Hauptverteilleitung und das Material. Stahl mit Dreiviertelzoll oder Kupfer 22 × 1 sind die häufigsten Fälle — beide sind der Engpass, wenn die Spreizung unter zehn Kelvin fallen soll.

Fällt einer der drei Punkte auf, gehört die Frage in die Heizlastberechnung, nicht in den Katalog. § 60c GModG nennt genau diese Reihenfolge: raumweise Heizlast, dann Prüfung und Optimierung der Heizflächen im Hinblick auf eine möglichst niedrige Vorlauftemperatur, dann Anpassung der Regelung. Verpflichtend ist das für Gebäude ab sechs Wohnungen; im Einfamilienhaus ist es freiwillig, technisch aber dieselbe Aufgabe. Die Einstellung, mit der die Verteilung am Ende festgezurrt wird, sitzt nicht am Thermostatkopf, sondern in der Voreinstellung der Ventile.

Welche Eingriffe im Altbau wirklich etwas ändern

Am günstigsten ist immer das, was den Volumenstrom senkt, statt ihn zu bewältigen: bessere Dämmung der Verteilleitungen, ein sauberer hydraulischer Abgleich, größere Heizflächen in den zwei oder drei Räumen, die die Vorlauftemperatur des ganzen Hauses diktieren. Welche Räume das sind, verrät der Heizkurventest bei laufendem Betrieb.

Reicht das nicht, wird es baulich. Ein Einrohrstrang lässt sich in Abschnitten auf Zweirohr umbauen; Marktangaben für ein Einfamilienhaus bewegen sich dabei je nach Zahl der Heizkörper, Zugänglichkeit und Estrichaufbau grob zwischen 4.500 und 11.000 Euro (Stand 2026). Der Preis wird nicht vom Rohr getrieben, sondern von Wanddurchbrüchen, Bodenöffnungen und dem Wiederherstellen der Oberflächen. Wie der Wasserwechsel beim Umbau zu organisieren ist, behandelt der Beitrag zum Heizkörpertausch in einzelnen Räumen.

Wo der Umbau am Gebäude scheitert, bleibt die Möglichkeit, die fehlende Fläche durch Luftbewegung zu ersetzen — Gebläsekonvektoren erreichen bei 35 Grad Vorlauf ein Vielfaches eines gleich großen Plattenheizkörpers, brauchen aber Strom und machen Geräusch.

Der nächste Schritt ist in jedem Fall derselbe: Machen Sie den Strangtest, bevor Sie ein Angebot einholen. Ein Angebot über neue Heizkörper, das die Frage nach Strangart, Rohrquerschnitt und Pumpenkennlinie nicht stellt, beantwortet die falsche Frage.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. § 60c GModG – Hydraulischer Abgleich und weitere Maßnahmen zur Heizungsoptimierung
  2. Hydraulischer Abgleich – Basiswissen zur Einrohrheizung
  3. Haustec: Hydraulischer Abgleich – von der Heizlastberechnung zum Volumenstrom
  4. Haustec: Die wichtigsten Fakten zur Förderhöhe einer Pumpe
  5. Energie-Lexikon: Hydraulischer Abgleich von Zentralheizungsanlagen
  6. SBZ: Die VDI-Richtlinie 2035 – Wasseraufbereitung im Heizungsbereich
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