Stromlaufplan und Beschriftung: Dokumentationstiefe und Kennzeichnung im Vergleich

Stromkreisliste, Übersichtsschaltplan oder vollständiger Stromlaufplan — welche Dokumentationstiefe wofür reicht. Dazu die Kennzeichnungsregeln aus DIN VDE 0100-510 und DIN EN 60445, an denen Beschriftungen in der Praxis scheitern.

Vergleichsgrafik dreier Dokumentationstiefen von der Stromkreisliste bis zum Stromlaufplan sowie eine Übersicht der Kennzeichnungsregeln aus DIN VDE 0100-510 und DIN EN 60445
Vergleichsgrafik dreier Dokumentationstiefen von der Stromkreisliste bis zum Stromlaufplan sowie eine Übersicht der Kennzeichnungsregeln aus DIN VDE 0100-510 und DIN EN 60445

Das Wichtigste in Kürze

  • DIN VDE 0100-510, Abschnitt 514.4 verlangt, dass Schutzeinrichtungen so angeordnet und gekennzeichnet werden, dass sich die geschützten Stromkreise leicht zuordnen lassen.
  • Nach Abschnitt 514.3 ist eine lesbare und dauerhafte Kennzeichnung von Leitern durch Buchstaben und Nummern erforderlich; die Ziffern 6 und 9 sind zu unterstreichen.
  • DIN EN 60445 schließt die Buchstaben I und O für die Kennzeichnung aus, weil sie mit den Ziffern 1 und 0 verwechselt werden können.
  • Die Stromkreisliste im Verteiler genügt für den Alltag, ein Übersichtsschaltplan für Umbauten; ein vollständiger Stromlaufplan lohnt vor allem bei Steuerungen und Sonderanlagen.
  • Arbeiten an der Anlage hinter der Hausanschlusssicherung dürfen nach § 13 NAV nur der Netzbetreiber oder ein in ein Installateurverzeichnis eingetragenes Unternehmen ausführen.

Vier Dokumentationstiefen und wofür sie jeweils reichen

Wer Unterlagen für seine Elektroanlage beauftragt, entscheidet zunächst über die Tiefe. Vier Stufen sind praktisch relevant, und sie schließen einander nicht aus, sondern bauen aufeinander auf.

Die Stromkreisliste ordnet jedem Schutzorgan die versorgten Räume und Verbrauchsstellen zu. Sie ist die Grundstufe, sitzt an der Verteilertür und beantwortet die einzige Frage, die im Störungsfall zählt: Was hängt hinter diesem Schalter? Der Verteilerbelegungsplan bildet zusätzlich die räumliche Anordnung im Schrank ab, mit Reihen, Positionen und Kenndaten der Geräte. Er wird gebraucht, wenn erweitert oder ein Gerät ersetzt werden soll.

Der Übersichtsschaltplan zeigt den Aufbau der Anlage im Zusammenhang: Einspeisung, Hauptleitungen, Verteiler, die vorgeschalteten Schutzorgane und die Zuordnung der Schutzeinrichtungen. Er wird interessant, sobald mehrere Verteiler, eine Photovoltaikanlage, ein Speicher oder eine Ladeeinrichtung im Spiel sind. Der vollständige Stromlaufplan schließlich löst die Anlage bis auf die einzelne Verbindung auf. Im Wohnungsbau ist er selten, in Gebäuden mit Steuerungstechnik, Bussystemen oder gewerblicher Mitnutzung dagegen der einzige Weg, eine Funktion nachzuvollziehen.

Vergleichsmatrix mit Mindestanforderungen

Kriterium Stromkreisliste Verteilerbelegungsplan Übersichtsschaltplan Vollständiger Stromlaufplan
Beantwortet die Frage was fällt bei diesem Schalter aus wo sitzt welches Gerät im Schrank wie hängt die Anlage zusammen wie ist jede Verbindung geführt
Erforderlicher Aufwand gering gering bis mittel mittel hoch
Nutzen bei nächtlicher Störung hoch mittel gering gering
Nutzen bei Erweiterung mittel hoch hoch hoch
Nutzen bei Verkauf oder Vermietung hoch mittel mittel gering
Aktualisierungsaufwand nach Änderung wenige Minuten überschaubar spürbar erheblich
Sinnvoll ab jeder Wohnung Verteiler mit mehr als einer Reihe zweiter Verteiler oder Erzeugungsanlage Steuerungstechnik, Bussystem, Gewerbe
Mindestanforderung immer, an der Verteilertür bei jedem Verteilerumbau bei Photovoltaik, Speicher, Ladepunkt vertraglich vereinbaren, sonst entfällt er

Wo die Norm eine Untergrenze zieht

DIN VDE 0100-510 verlangt, dass für elektrische Anlagen Pläne, Diagramme oder gleichwertige Informationen vorhanden sind und dass Betriebsmittel so gekennzeichnet werden, dass ihre Funktion erkennbar ist. Der Normtext schreibt dabei keine bestimmte Darstellungsform vor — entscheidend ist, dass Art und Aufbau der Stromkreise sowie die Kenndaten der Schutz-, Trenn- und Schaltgeräte nachvollziehbar sind. Eine gepflegte Stromkreisliste mit Kenndaten erfüllt diese Anforderung in einer Wohnung; ein Zettel mit sieben Nummern ohne Bezeichnung erfüllt sie nicht.

Wichtig ist der zweite Teil der Anforderung: Die Unterlagen müssen aktuell gehalten werden. Eine Dokumentation, die den Zustand von 1998 beschreibt, ist im Zweifel schlechter als keine, weil sie zu falschen Annahmen verleitet. Deshalb gehört in jeden Auftrag über Elektroarbeiten die Verpflichtung, die vorhandenen Unterlagen fortzuschreiben.

Kennzeichnung: die Regeln, an denen es in der Praxis scheitert

Neben der Dokumentation steht die Kennzeichnung am Bauteil selbst. Für Anschlüsse und Leiter gilt DIN EN 60445 mit den bekannten Zuordnungen: grün-gelb ausschließlich für den Schutzleiter, blau für den Neutralleiter, die Außenleiter in braun, schwarz und grau. Diese Farben sind keine Konvention, sondern normativ belegt, und ihre Verwendung für andere Zwecke ist der klassische Fehler in Selbstbauinstallationen — eine grün-gelbe Ader, die als geschalteter Außenleiter verwendet wurde, ist ein unmittelbarer Gefahrenpunkt für jeden, der später an der Anlage arbeitet.

Für die Kennzeichnung von Leitungen und Adern in der Anlage gibt DIN EN 62491 den Rahmen vor. Praktisch scheitert Kennzeichnung an drei Punkten: an nicht dauerhaftem Material, an Beschriftungen, die nur an der abnehmbaren Abdeckung und nicht am Gerät hängen, und an Bezeichnungen, die niemand außer dem Ersteller versteht. Alle drei sind vermeidbar, kosten aber eine bewusste Entscheidung vor der Ausführung.

Papier, Datei oder beides

Die Formatfrage wird oft als Nebensache behandelt und entscheidet doch über den Nutzen. Eine Datei auf einem Rechner ist bei einem Stromausfall unerreichbar — genau in dem Moment, in dem die Stromkreisliste gebraucht wird. Ein Papierblatt im Verteiler wiederum lässt sich nicht sauber fortschreiben und geht bei einem Wasserschaden verloren.

Die tragfähige Antwort ist die doppelte Ablage: eine beständige, wetterfeste Ausfertigung an der Innenseite der Verteilertür für den Störungsfall und eine digitale Fassung außerhalb des Gebäudes für Fortschreibung, Angebote und Verkauf. Bei der digitalen Fassung ist ein offenes, langlebiges Format wichtiger als ein hübsches: Eine Zeichnung, die nur mit einer bestimmten Software eines bestimmten Anbieters lesbar ist, ist in fünfzehn Jahren möglicherweise wertlos.

Wonach Sie eine vorhandene Dokumentation beurteilen

Drei Fragen trennen brauchbare von unbrauchbaren Unterlagen. Erstens: Steht bei jedem Abgang ein Raum oder eine Verbrauchsstelle, oder nur eine Nummer? Zweitens: Ist erkennbar, welcher Stromkreis hinter welcher Fehlerstrom-Schutzeinrichtung liegt? Diese Angabe wird bei jeder Auslösung gebraucht und fehlt am häufigsten. Drittens: Trägt die Unterlage ein Datum und den Namen dessen, der sie erstellt hat?

Fehlt eine dieser drei Angaben, ist die Dokumentation für den praktischen Gebrauch unvollständig, unabhängig davon, wie aufwendig sie gezeichnet wurde. Umgekehrt kann eine schlichte, handgeführte Liste vollkommen ausreichen, wenn sie diese drei Punkte enthält und aktuell ist.

Grenzen des eigenen Vergleichs und der eigenen Arbeit

Die Entscheidung über die Dokumentationstiefe können und sollten Sie selbst treffen — sie hängt an Ihrer Anlage, Ihren Plänen und daran, wer künftig damit arbeiten muss. Ebenso können Sie vorhandene Unterlagen nach den drei genannten Fragen bewerten und die Zuordnung stichprobenartig durch Abschalten überprüfen.

Nicht in Ihre Hand gehört die Erhebung im geöffneten Verteiler. Das Ablesen der Klemmenbelegung, die Zuordnung der Neutralleiter, die Kennzeichnung von Adern und jede Messung setzen den Zugang zu spannungsführenden Teilen voraus. DIN VDE 0105-100 weist solche Tätigkeiten Elektrofachkräften zu, und die Niederspannungsanschlussverordnung bindet Arbeiten an der Anlage an ein Installationsunternehmen aus dem Installateurverzeichnis eines Netzbetreibers. Ihre Rolle ist die des Auftraggebers, der den Umfang festlegt, das Ergebnis prüft und die Unterlage anschließend pflegt.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. DKE – DIN VDE 0100-510 (VDE 0100-510), Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel
  2. elektro.net – Normgerechte Kennzeichnung von Elektroanlagen (Normtexte zu DIN VDE 0100-510, DIN EN 60445, DIN EN 62491)
  3. Niederspannungsanschlussverordnung § 13 – Elektrische Anlage
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