Dachrinne und Traufdetail: Eine Rinne nach Norm darf überlaufen
Dachrinnen werden auf den Fünf-Minuten-Regen bemessen, der statistisch alle fünf Jahre fällt – Starkregen darüber läuft über. Entscheidend ist deshalb, wohin er läuft.

Das Wichtigste in Kürze
- Bemessungsgrundlage ist die Regenspende r(5,5) – der stärkste Fünf-Minuten-Regen, der statistisch alle fünf Jahre am Standort fällt.
- Maßgeblich ist nicht die Dachfläche, sondern deren Grundrissprojektion: Grundfläche = Dachfläche × cos (Dachneigung).
- Eine halbrunde Rinne der Nenngröße 250 leitet nach DIN EN 12056-3 rund 1,12 Liter je Sekunde ab, die Nenngröße 280 rund 1,70 Liter.
- Die Rinnenvorderkante muss etwa einen Zentimeter tiefer liegen als der Rinnenrücken, damit Überlaufwasser nach außen und nicht an die Wand läuft.
- Der freie Lüftungsquerschnitt an der Traufe beträgt mindestens 2 Promille der zugehörigen Dachfläche, mindestens jedoch 200 Quadratzentimeter je Meter Traufe.
Es gibt einen Feuchtestreifen, der nur bei sehr starkem Regen auftritt: oben an der Außenwand, direkt unter dem Dachüberstand, breit und unscharf begrenzt. Bei normalem Landregen erscheint er nie. Wer ihn sieht, hält die Dachrinne meist für verstopft oder undicht — und findet dann beim Nachsehen nichts.
Der Grund ist ein anderer, und er steht so in der Norm. Dachrinnen werden nicht auf den stärksten denkbaren Regen ausgelegt, sondern auf die Regenspende r(5,5): den stärksten Fünf-Minuten-Regen, der statistisch alle fünf Jahre am Standort niedergeht. Alles darüber überschreitet die Bemessung planmäßig. Eine Rinne, die bei einem Jahrhundertgewitter überläuft, ist deshalb kein Mangel. Ob das überlaufende Wasser nach außen ins Freie fällt oder nach innen an die Fassade läuft, ist dagegen eine Frage der Ausführung — und genau dort entsteht der Streifen.
Die Bemessung in drei Zeilen
Die Rechnung selbst ist erstaunlich kurz. Sie brauchen drei Größen.
Erstens die Regenspende r(5,5) für Ihren Standort, angegeben in Litern je Sekunde und Hektar. Die Werte für 88 deutsche Städte stehen im Anhang A der DIN 1986-100; flächendeckend veröffentlicht sie der Deutsche Wetterdienst im Datensatz KOSTRA-DWD. Die Spanne in Deutschland ist erheblich — für Berlin, Kurfürstendamm, liegt der Wert beispielsweise bei 367 l/(s·ha).
Zweitens die wirksame Fläche. Hier steckt der häufigste Fehler: Maßgeblich ist nicht die schräge Dachfläche, sondern ihre Grundrissprojektion.
Grundfläche = Dachfläche × cos (Dachneigung)
Drittens der Regenwasserabfluss:
Q = r(5,5) ÷ 10.000 × Grundfläche
Ein Beispiel. Ein Satteldach mit 40 Grad Neigung, 10 Meter Traufenlänge, 5 Meter Sparrenlänge — also 50 Quadratmeter Dachfläche je Seite. Die Grundfläche beträgt 50 × cos 40° = 38,3 Quadratmeter. Am Berliner Standort ergibt das:
Q = 367 ÷ 10.000 × 38,3 = 1,41 l/s
Dem gegenüber steht das Abflussvermögen der Rinne. Nach DIN EN 12056-3 leitet eine halbrunde vorgehängte Rinne unter Berücksichtigung des Sicherheitsfaktors 0,9 ab: Nenngröße 200 rund 0,59 l/s, Nenngröße 250 rund 1,12 l/s, Nenngröße 280 rund 1,70 l/s, Nenngröße 333 rund 2,68 l/s, Nenngröße 400 rund 4,63 l/s. Kastenrinnen liegen bei gleicher Nenngröße darunter, weil die Wassertiefe stärker in die Leistung eingeht als die Breite.
Für unser Dach heißt das: Die im Einfamilienhausbau verbreitete Nenngröße 250 reicht nicht — sie schafft 1,12 statt der erforderlichen 1,41 Liter je Sekunde. Erst die Nenngröße 280 liegt sicher darüber. Das ist kein Randfall, sondern der Normalfall an einer zehn Meter langen Traufe in einer Region mit üblicher Regenspende.
Was die Leistung zusätzlich drückt
Die genannten Werte gelten für den einfachen Fall. Drei Faktoren verändern sie:
- Die Fließlänge. Je länger das Wasser in der Rinne unterwegs ist, desto stärker bremst die Reibung. Gemeint ist dabei die Fließlänge bis zum Wasserstutzen, nicht die Einbaulänge der Rinne: Eine 12 Meter lange Rinne mit mittigem Fallrohr hat zwei Fließlängen von je 6 Metern.
- Das Gefälle. Rinnen mit 3 Millimetern je Meter oder weniger gelten rechnerisch als gefällelos. Ab etwa 5 Millimetern je Meter steigt die Leistung messbar, bei 10 Millimetern je Meter deutlich. In der Praxis werden 1 bis 3 Millimeter je Meter zum Wasserstutzen ausgeführt — mehr sieht man am Haus.
- Richtungsänderungen. Jede Ecke senkt die Fließgeschwindigkeit. Bei Dächern mit Walmen oder Anbauten ist das der Grund, warum die rechnerische Größe über der Tabellenauswahl liegt.
Hinzu kommt, was die Norm nicht abbildet: Laub. Eine Rinne unter Bäumen verliert einen erheblichen Teil ihres Querschnitts, lange bevor sie sichtbar verstopft ist. Laubschutzgitter helfen, verlangen aber ihrerseits Reinigung — sie verlagern die Wartung, sie ersetzen sie nicht.
Vier Bauteile, die an der Traufe ineinandergreifen
Die Rinne selbst ist der unkomplizierteste Teil. Schäden entstehen fast immer im Detail dahinter, wo vier Ebenen zusammenkommen.
- Die Traufbohle und die Rinnenhalter. Sie tragen die Rinne samt Wasser-, Schnee- und Eislast. Der Rinnenhaken wird so eingelassen, dass die Rinne frei arbeiten kann; Dehnungsstücke sind bei Zuschnitten über 500 Millimetern spätestens alle 10 Meter vorzusehen, bei kleineren Zuschnitten alle 15 Meter.
- Das Traufblech mit Wassernase. Es führt das Wasser, das auf der Dachhaut abläuft, über die Traufkante in die Rinne. Fehlt die Wassernase oder ist sie zu kurz, zieht Wasser bei Wind an der Blechunterseite zurück und tropft hinter die Rinne auf die Traufbohle — der klassische Weg zum unbemerkten Holzschaden.
- Das Einhangblech für die Unterdeckbahn. Alles, was durch die Dachhaut dringt — Flugschnee, Schlagregen, Kondensat —, läuft auf der Unterdeckbahn ab. Diese Ebene muss über ein eigenes Blech in die Rinne entwässern. Endet die Bahn auf der Traufbohle oder hinter dem Traufblech, hat das Dach eine zweite Wasserführung, die nirgendwohin führt.
- Der Lüftungsquerschnitt. Bei belüfteten Dächern fordern die Fachregeln des Dachdeckerhandwerks an der Traufe mindestens 2 Promille der zugehörigen geneigten Dachfläche, mindestens aber 200 Quadratzentimeter je Meter Traufenlänge. Vogelschutzgitter und Traufkämme verringern den freien Querschnitt — was montiert wird, muss auf diesen Wert angerechnet werden.
Die Reihenfolge in dieser Liste ist zugleich die Montagereihenfolge, und sie lässt sich später nicht korrigieren, ohne die ersten Ziegelreihen wieder abzunehmen. Wer ohnehin die Dacheindeckung im Bestand erneuert, hat den einzigen günstigen Zeitpunkt dafür.
Die Vorderkante muss tiefer liegen
Damit zurück zum Feuchtestreifen an der Wand. Die Regel, die ihn verhindert, ist schlicht: Der vordere Rinnenwulst wird rund einen Zentimeter tiefer ausgerichtet als der Rinnenrücken, und er muss unterhalb der Wassernase des Traufblechs liegen. Läuft die Rinne über, geht das Wasser dann über die Vorderkante ins Freie.
Ist die Rinne umgekehrt eingehängt — hinten tiefer als vorn, etwa weil sich die Traufbohle gesetzt hat oder die Haken nachgebogen wurden —, staut sich das Wasser nach hinten und läuft an der Wand entlang. Sie prüfen das mit einer Wasserwaage auf den beiden Rinnenkanten, an mehreren Stellen. Das dauert fünf Minuten und ist die aussagekräftigste Untersuchung an diesem Bauteil.
Ein zweiter Punkt betrifft Schnee. Die gedachte Verlängerung der Dachfläche soll die Rinne treffen, nicht darüber hinweggehen — sonst fällt abrutschender Schnee an der Rinne vorbei, was gefährlich ist. Sie darf aber auch nicht hinter der Vorderkante liegen, weil eine Dachlawine die Rinne dann von der Halterung reißt. Bei Dachneigungen über etwa 45 Grad und in schneereichen Lagen gehört ein Schneefanggitter dazu, nicht als Komfort, sondern als Schutz für die Entwässerung.
Kosten, Material und die Frage nach dem Wohin
Eine neue vorgehängte Rinne samt Haltern und Fallrohr liegt beim Fachbetrieb erfahrungsgemäß bei rund 40 bis 100 Euro je laufendem Meter, Stand September 2026, abhängig von Material, Nenngröße und Gerüstbedarf. Titanzink ist der Standard, Kupfer etwa das Doppelte, beschichteter Stahl und Kunststoff darunter.
Eine Materialregel ist dabei nicht verhandelbar: Kupfer darf im Wasserlauf nie oberhalb von Zink oder verzinktem Stahl liegen. Gelöste Kupferionen zerstören die Zinkschicht innerhalb weniger Jahre durch Lochfraß. Ein Kupferdach über einer Titanzinkrinne ist deshalb ein Bauschaden mit Ansage — auch dann, wenn beide Bauteile für sich genommen langlebig sind. Umgekehrt ist die Kombination unproblematisch. Dieselbe Überlegung gilt für Blechanschlüsse an Kamin und Wand, die das Wasser anschließend in dieselbe Rinne führen; die Details dazu stehen im Beitrag zu Dachanschlüssen an Kamin und Wand.
Bleibt die Frage, wohin das Fallrohr entwässert. Ein Rohr, das neben dem Haus im Boden verschwindet, ohne an eine Leitung angeschlossen zu sein, bringt bei jedem Gewitter mehrere hundert Liter unmittelbar an die Kellerwand — und ist eine der häufigsten Ursachen für Feuchte, die anschließend der Drainage angelastet wird. Prüfen Sie deshalb bei der Rinnensanierung im selben Zug den Anschluss unten: Kontrollschacht vorhanden, Anschluss an die Regenwasserleitung oder an eine Versickerung über Mulde oder Rigole, und ein Laubfang, der sich öffnen lässt.
Quellen und weiterführende Informationen
- Basiswissen Dachentwässerung nach DIN 1986-100 und DIN EN 12056-3 (PDF, Stand August 2024)
- Bayerische Architektenkammer – Merkblatt M1: Regenentwässerungsanlagen nach DIN 1986 (PDF)
- ddh – Dachdetail vorgehängte Dachrinne: Praxistipps
- Holzbauzentrum Nord – Lüftungsquerschnitte nach ZVDH
- BauNetz Wissen – Belüftetes Dach: Konstruktion
- haustec – Notentwässerung und Dachrinnen: worauf es ankommt

















