Automatisierter Sonnenschutz: Die Steuerung entscheidet, ob die Beschattung überhaupt wirkt
Außenliegende Jalousien lassen nach DIN 4108-2 nur ein Viertel der Sonnenenergie durch, innenliegende neun Zehntel. Diesen Vorsprung verspielt jede Beschattung, die zu spät schließt — und genau das ist die Aufgabe der Automatik.

Das Wichtigste in Kürze
- Nach DIN 4108-2 erreicht außenliegender Sonnenschutz aus Jalousie oder Rollladen einen Abminderungsfaktor von etwa 0,25, eine Markise rund 0,5 — innenliegender Sonnenschutz in dunkler Farbe und hoher Transparenz nur 0,9.
- Die Anforderung an den sommerlichen Wärmeschutz nach § 14 GModG gilt für zu errichtende Gebäude; im Bestand ist die Nachrüstung freiwillig und deshalb allein eine Frage der Wirkung.
- Windwiderstandsklasse 2 nach DIN EN 13561 entspricht etwa Windstärke 5 und damit 29 bis 38 Kilometer je Stunde — eine gewöhnliche Sommerböe liegt darüber.
- Eine Automatik, die erst auf die Raumtemperatur reagiert, schließt grundsätzlich zu spät: Die Wärme ist dann bereits im Raum.
An einem klaren Julinachmittag trifft die Westfassade eines Hauses eine Strahlungsleistung in der Größenordnung von 600 Watt je Quadratmeter. Ein Fenster mit 2,5 Quadratmetern Glasfläche und einem Gesamtenergiedurchlassgrad von 0,55 lässt davon rund 825 Watt in den Raum. Das ist so viel wie ein kleiner Heizlüfter, und zwar pro Fenster.
Diese Zahl erklärt, warum die Diskussion über Sonnenschutz fast immer an der falschen Stelle beginnt. Es geht nicht darum, ob ein Raum abgedunkelt ist — es geht darum, wie viel Leistung ein Bauteil aus dem Raum heraushält und wann es das tut. Beides zusammen entscheidet, ob eine Automatik ihr Geld wert ist.
Der Faktor, der außen und innen trennt
DIN 4108-2 beschreibt die Wirksamkeit einer Beschattung über den Abminderungsfaktor Fc. Er gibt an, welcher Anteil der Sonnenenergie trotz Sonnenschutz noch ankommt: Fc = 1 bedeutet kein Sonnenschutz, Fc = 0,25 heißt, dass drei Viertel draußen bleiben.
Die Werte fallen deutlich auseinander. Außenliegende Jalousien und Rollläden kommen auf etwa 0,25, eine Markise auf rund 0,5. Innenliegender Sonnenschutz in dunkler Farbe und hoher Transparenz erreicht dagegen nur 0,9 — er hält also gerade ein Zehntel zurück. Der Grund ist einfach: Was hinter der Scheibe hängt, hat die Energie bereits ins Haus gelassen und wandelt sie dort in Wärme um.
Für unser Fenster heißt das: 825 Watt ohne Beschattung, rund 743 Watt hinter einem innenliegenden Rollo, rund 206 Watt hinter einer außenliegenden Jalousie. Drei solche Fenster nach Südwest ergeben einen Unterschied von etwa 1,6 Kilowatt — bei sechs Nachmittagsstunden also gut neun Kilowattstunden Wärmeeintrag am Tag, die entweder anfallen oder nicht.
Wer im Bestand nachrüstet, ist dabei rechtlich völlig frei. Die Anforderung an den sommerlichen Wärmeschutz in § 14 GModG richtet sich an zu errichtende Gebäude; für das bewohnte Haus gibt es keine Pflicht. Die Entscheidung fällt also allein über die Wirkung — und dort ist die Rangfolge eindeutig, wie auch der Beitrag zum Hitzeschutz an Fenstern von außen zeigt.
Warum die Raumtemperatur die falsche Steuergröße ist
Ein Raum, der sich aufgeheizt hat, kühlt nicht dadurch ab, dass man die Jalousie schließt. Die Wärme steckt dann bereits in Estrich, Putz und Möbeln und wird über Stunden abgegeben. Eine Steuerung, die auf einen Innentemperaturfühler reagiert, arbeitet deshalb prinzipiell hinterher.
Richtig gesteuert wird über die Einstrahlung auf die jeweilige Fassade, und zwar getrennt je Himmelsrichtung. Ein Ostfenster braucht die Beschattung zwischen sieben und elf Uhr, ein Südfenster mittags, ein Westfenster ab dem späten Nachmittag — dieselbe Zeitschaltuhr für alle drei Seiten verschenkt entweder Tageslicht oder Kühlung. Zwei Größen gehören deshalb in jede vernünftige Automatik: ein Helligkeitssensor je Fassade oder wenigstens je Himmelsrichtung und eine Verzögerung von einigen Minuten, damit eine vorbeiziehende Wolke die Anlage nicht in Bewegung setzt.
Die zweite Hälfte der Steuerung ist das Öffnen. Eine Beschattung, die den ganzen Tag unten bleibt, kostet Tageslicht und damit Kunstlicht; im Winter kostet sie zusätzlich solare Gewinne. Deshalb gehört zu jeder Sommerregel eine Winterregel, die die Behänge bei Sonne öffnet und erst bei Dunkelheit schließt. Wer das mit der Heizung koppeln will, findet den Zusammenhang zwischen Fensterzustand und Raumregelung im Beitrag zu smarten Heizkörperthermostaten.
Der Windwächter ist kein Zubehör
Außenliegender Sonnenschutz ist ein Bauteil im Wind, und die Normen bilden das über Windwiderstandsklassen ab: DIN EN 13561 für Markisen, DIN EN 13659 für Abschlüsse außen und Außenjalousien. Entscheidend ist, wie niedrig die Schwellen tatsächlich liegen.
Windwiderstandsklasse 1 entspricht etwa Windstärke 4 nach Beaufort, nach der Skala des Deutschen Wetterdienstes also 20 bis 28 Kilometer je Stunde — Wind, der Zweige bewegt und Staub aufwirbelt. Klasse 2, im Privatbereich die verbreitetste, endet bei Windstärke 5 und damit bei 29 bis 38 Kilometern je Stunde. Eine gewöhnliche Böe vor einem Sommergewitter liegt darüber, ein stürmischer Wind mit Windstärke 8 erreicht 62 bis 74 Kilometer je Stunde.
Daraus folgt eine unangenehme Wahrheit über Markisen: Ohne automatische Einfahrt ist die Klassifizierung wertlos, weil niemand während eines Gewitters zu Hause sein muss. Ein Windwächter ist damit kein Komfortzubehör, sondern die Bedingung, unter der die Anlage ihre Nennwerte überhaupt erreicht. Bei Raffstoren kommt hinzu, dass die Lamellen bei Wind hochgefahren und nicht nur gedreht werden müssen — eine Fahrbewegung, die eine Steuerung mit Vorrang vor allen anderen Befehlen ausführen können muss.
Zum selben Thema gehört der Regensensor bei Gelenkarmmarkisen: Nasses Tuch, das eingefahren wird, schimmelt; nasses Tuch, das ausgefahren bleibt, sackt durch und belastet die Arme. Beides ist eine Frage der Programmierung, nicht der Mechanik.
Nachrüsten: Kabel, Funk und was der Rollladenkasten hergibt
Im Bestand entscheidet meistens die Zugänglichkeit, nicht die Vorliebe. Drei Wege sind üblich.
Funkmotor im vorhandenen Rollladenpanzer. Der Gurtwickler entfällt, der Motor wird in die Welle geschoben, die Stromversorgung erfolgt aus der vorhandenen Leitung im Kasten. Das ist die schnellste Lösung und setzt einen Kasten voraus, der sich öffnen lässt und eine Welle mit passendem Durchmesser hat.
Funkaktor hinter dem vorhandenen Schalter. Vorhandene Rohrmotoren bleiben, in die Schalterdose kommt ein Aktor. Wichtig ist hier der Neutralleiter: In Altinstallationen liegt an der Schalterdose häufig nur die geschaltete Phase, dann funktionieren viele Aktoren nicht.
Busleitung. Die haltbarste, aber auch aufwendigste Variante, weil eine zusätzliche Leitung zu jedem Antrieb gezogen wird. Sie lohnt im Zusammenhang mit ohnehin geöffneten Wänden oder mit einem Fenstertausch, bei dem der Rollladenkasten am neuen Fenster ohnehin neu aufgebaut wird.
Für die Größenordnung: Ein Funk-Rohrmotor liegt mit Stand September 2026 bei rund 90 bis 250 Euro je Fenster, ein Unterputzaktor bei 40 bis 100 Euro, eine Wetterstation mit Wind-, Regen- und Helligkeitssensor bei 200 bis 600 Euro, die Montage je nach Zugänglichkeit bei ein bis drei Stunden pro Fenster. Der Posten, der Angebote auseinandertreibt, ist nicht der Motor, sondern die Frage, ob die Kästen zerstörungsfrei zu öffnen sind.
Ob die Steuerung im Haus oder beim Hersteller liegt, ist bei Sonnenschutz keine Nebenfrage: Fährt die Anlage nur mit Internetverbindung, steht sie bei Netzstörung genau dann still, wenn ein Gewitter die Verbindung kappt. Die Abwägung dazu steht im Vergleich von lokaler und cloudbasierter Smart-Home-Zentrale; Grundregeln zur Absicherung der Geräte selbst finden sich unter Smart Home sicher einrichten.
Die drei Einstellungen, an denen alles hängt
Wenn die Technik montiert ist, entscheiden drei Parameter über das Ergebnis, und sie werden fast nie dokumentiert:
- Die Einstrahlungsschwelle, ab der geschlossen wird, samt Verzögerungszeit. Zu niedrig eingestellt, fährt die Anlage bei jedem hellen Wolkenfeld; zu hoch, schließt sie erst, wenn der Raum schon Wärme aufgenommen hat.
- Die Lamellenstellung im geschlossenen Zustand. Ein Raffstore mit leicht geöffneten Lamellen lässt Tageslicht herein und hält die direkte Strahlung draußen — das ist der eigentliche Vorteil gegenüber dem Rollladen, und er geht verloren, wenn die Automatik nur „auf“ und „zu“ kennt.
- Die Windschwelle und ihr Vorrang. Sie muss unterhalb der Windwiderstandsklasse des Bauteils liegen, nicht darüber, und sie muss jeden Komfortbefehl überstimmen.
Lassen Sie sich diese drei Werte nach der Inbetriebnahme aufschreiben — mit Zahl, Einheit und Datum. Ohne diese Notiz ist jede spätere Fehlersuche eine Rekonstruktion.
Womit Sie anfangen
Gehen Sie zuerst die Fassaden durch und notieren Sie je Fenster Himmelsrichtung, Glasfläche und vorhandene Beschattung. Räume mit Ost- und Westorientierung stehen dabei vor den Südräumen, weil die flach einfallende Morgen- und Abendsonne von einem Dachüberstand nicht abgefangen wird.
Prüfen Sie danach an einem Fenster exemplarisch, ob sich der Rollladenkasten öffnen lässt und ob in der Schalterdose ein Neutralleiter liegt. Diese zwei Befunde entscheiden über die Technik und über den Preis der ganzen Nachrüstung — und sie kosten Sie eine halbe Stunde.
Holen Sie erst danach Angebote ein und verlangen Sie, dass Windwiderstandsklasse, Fc-Wert des Behangs und die Sensorik ausdrücklich benannt werden. Fehlt eines dieser drei Merkmale, vergleichen Sie Preise für Bauteile, deren Wirkung Sie nicht kennen.
Quellen und weiterführende Informationen
- § 14 GModG – Sommerlicher Wärmeschutz
- BauNetz Wissen – Abminderungsfaktor Fc nach DIN 4108-2
- DIN 4108-2:2013-02 – Wärmeschutz und Energie-Einsparung in Gebäuden, Teil 2
- DIN EN 13561:2015-08 – Markisen: Leistungs- und Sicherheitsanforderungen
- DIN EN 13659:2015-07 – Abschlüsse außen und Außenjalousien
- Deutscher Wetterdienst – Beaufort-Skala im Wetterlexikon

















