Überspannung nach Gewitter prüfen: Messwerte, Anlagenprotokoll und sichere Diagnosefolge

Einen Diagnosebaum mit Messpunkten und Stoppschwellen. Im Mittelpunkt: Temperaturen, Drücke oder Durchflüsse, Reglerdaten, Ereignisprotokoll.

03Sicherheit

Das Wichtigste in Kürze

  • Temperaturen, Drücke oder Durchflüsse, Reglerdaten.
  • Der Beitrag liefert einen Diagnosebaum mit Messpunkten und Stoppschwellen.
  • Die Seite konzentriert sich auf belastbare Diagnose vor jeder Reparatur.

Reihenfolge vor Werkzeug: erst sichern, dann sichten, dann messen

Nach einem Gewitterereignis besteht die häufigste Fehlerquelle nicht in der Messtechnik, sondern in der Reihenfolge. Wer zuerst wieder einschaltet und dann prüft, zerstört das Fehlerbild und riskiert einen Folgeschaden. Die belastbare Diagnose beginnt deshalb mit drei Schritten ohne jedes Messgerät.

Erstens: Alle Geräte, die auffällig warm sind, brummen, riechen oder sichtbare Verfärbungen zeigen, bleiben ausgeschaltet und werden vom Netz getrennt. Zweitens: Der Zustand im Zählerschrank und in der Unterverteilung wird fotografisch festgehalten, bevor irgendein Schalter bewegt wird. Welche Leitungsschutzschalter stehen unten, welcher Fehlerstromschutzschalter hat ausgelöst, welche Statusfenster von Schutzeinrichtungen zeigen Rot statt Grün. Drittens: Betroffene Geräte werden nach Stromkreis, Phase und angeschlossenen Datenleitungen aufgelistet. Diese Liste entscheidet später darüber, ob eine Einzeleinkopplung oder ein anlagenweiter Fehler vorliegt.

DIN VDE 0105-100 zieht an dieser Stelle eine harte Grenze. Das Bedienen von Schaltgeräten von außen, also das Wiedereinschalten eines Leitungsschutzschalters oder das Betätigen der Prüftaste eines Fehlerstromschutzschalters, gehört zur bestimmungsgemäßen Bedienung. Alles, was das Öffnen der Abdeckung, das Berühren von Klemmstellen oder das Messen an aktiven Teilen erfordert, ist Arbeiten an der elektrischen Anlage und damit Sache einer Elektrofachkraft.

Diagnosebaum mit Messpunkten und Stoppschwellen

Der folgende Ablauf ist als Entscheidungskette gedacht. Jeder Knoten hat ein benanntes Auslösekriterium; jedes Stoppschild beendet die Eigenprüfung endgültig.

Knoten 1 — Riecht, raucht oder wärmt es an Verteiler, Steckdose oder Gerät? Wenn ja: Stopp. Betroffenen Stromkreis abschalten, nicht wieder zuschalten, Elektrofachkraft beauftragen. Wenn nein: weiter zu Knoten 2.

Knoten 2 — Hat ein Fehlerstromschutzschalter ausgelöst? Wenn nein: weiter zu Knoten 4. Wenn ja: Alle Verbraucher des betroffenen Bereichs abziehen, dann einmal zuschalten. Löst er sofort erneut aus, obwohl nichts angeschlossen ist, liegt der Fehler in der festen Installation. Stopp, Fachkraft. Hält er, werden die Verbraucher einzeln zugeschaltet, bis der Verursacher gefunden ist.

Knoten 3 — Löst der Schutzschalter erst nach dem Zuschalten eines bestimmten Geräts aus? Dann bleibt dieses Gerät außer Betrieb. Ein Gerät mit Isolationsfehler wird nicht repariert, indem man es an einer anderen Steckdose betreibt.

Knoten 4 — Zeigt eine Überspannungs-Schutzeinrichtung im Verteiler eine rote Statusanzeige oder eine ausgelöste Fernmeldung? Dann ist mindestens ein Modul thermisch abgetrennt. Die Anlage arbeitet weiter, steht aber ohne den vorgesehenen Schutz. Auftrag an die Fachkraft: Modultausch und Prüfung der Vorsicherung. Kein Selbsttausch, auch wenn das Modul steckbar aussieht.

Knoten 5 — Fällt mehr als ein Gerät derselben Phase gleichzeitig aus, sind Leuchtmittel in mehreren Räumen defekt oder waren Geräte auffällig hell? Dann besteht der Verdacht auf eine temporäre Überspannung durch Neutralleiterfehler. Stoppschwelle: Sofort den Störungsdienst des Netzbetreibers anrufen und die Anlage bis zur Klärung nicht weiter belasten. Ein Neutralleiterfehler im Netz oder im Hausanschluss kann fortbestehen und weitere Geräte zerstören.

Knoten 6 — Ist ein Wechselrichter, eine Wärmepumpe oder eine Steuerung mit Fehlercode ausgefallen? Fehlercode und Zeitstempel notieren, Anlagenprotokoll auslesen, aber keine Rücksetzversuche in Serie fahren. Ein wiederholtes Quittieren überschreibt Ereignisspeicher, die für die Ursachenklärung gebraucht werden.

Knoten 7 — Bleibt nach Abarbeitung aller Knoten ein Gerät defekt, ohne dass Schutzeinrichtungen reagiert haben? Dann handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Einkopplung über die Signal- oder Antennenseite. Prüfen Sie, welche Datenleitungen angeschlossen waren, und lassen Sie den Potentialausgleich dieser Leitungen bewerten.

Was die Fachkraft misst und welche Werte den Ausschlag geben

Prüfung Messpunkt Grenz- oder Richtwert Bedeutung bei Abweichung
Schutzleiter-Durchgängigkeit Verteiler bis Endstromkreis niederohmiger Durchgang, Messung mit mindestens 200 Milliampere Prüfstrom unterbrochener Schutzleiter, Abschaltbedingung nicht erfüllt
Isolationswiderstand Stromkreis gegen Erde, 500 Volt Gleichspannung mindestens 1 Megaohm für Stromkreise bis 500 Volt Isolationsschaden nach Überspannungsereignis
Schleifenimpedanz Endstromkreis am ungünstigsten Punkt so niedrig, dass die Abschaltzeit von 0,4 Sekunden bei 230 Volt eingehalten wird Schutzorgan schaltet im Fehlerfall zu spät ab
Auslösung des Fehlerstromschutzschalters Prüfung mit Bemessungsdifferenzstrom Auslösung innerhalb der normativen Zeitgrenze, Berührungsspannung unter 50 Volt Schutzeinrichtung defekt oder überaltert
Spannung Außenleiter gegen Neutralleiter Verteilerklemme, alle drei Phasen gleichmäßig um den Nennwert 230 Volt starke Unsymmetrie deutet auf Neutralleiterfehler
Zustand der Ableiter Statusfenster und Fernmeldekontakt grüne Anzeige, Vorsicherung entsprechend Herstellerangabe abgetrenntes Modul, Schutzwirkung entfallen
Anschlusslänge der Ableiterzuleitung Ableiter im Verteiler möglichst kurz, in der Summe von Hin- und Rückleiter nicht über einen halben Meter erhöhter Schutzpegel, Gerät schützt schlechter als angenommen
Isolationsprüfung der Gleichstromseite Strang einer Dachanlage Herstellergrenzwert des Wechselrichters Einkopplung in die Strangschleife, Modul- oder Leitungsschaden

Die Werte stammen aus dem Prüfumfang, den DIN VDE 0100-534 für Überspannungs-Schutzeinrichtungen und die Errichtungsnormen für Niederspannungsanlagen allgemein vorgeben. Sie brauchen sie nicht selbst zu erheben, aber Sie sollten sie im Prüfprotokoll wiederfinden. Ein Bericht, der lediglich “Anlage in Ordnung” vermerkt, ohne einen einzigen Messwert zu nennen, ist als Nachweis wertlos.

Anlagenprotokolle richtig auslesen und richtig lesen

Moderne Haustechnik schreibt mit. Wechselrichter speichern Netzfehler mit Zeitstempel, Wärmepumpen protokollieren Störabschaltungen, Ladeeinrichtungen dokumentieren Kommunikationsabbrüche, und intelligente Messsysteme halten Spannungsereignisse fest. Diese Aufzeichnungen sind der beste Beleg dafür, ob ein Netzereignis vorlag oder ob ein Gerät aus eigenen Gründen ausgestiegen ist.

Achten Sie beim Auslesen auf drei Dinge. Erstens auf die Uhrzeit: Geräte ohne Zeitsynchronisation driften, und eine Abweichung von Minuten macht die Zuordnung zum Gewitter unmöglich. Zweitens auf die Reihenfolge: Ein Isolationsfehler, der vor dem Netzausfall protokolliert wurde, kann nicht dessen Folge sein. Drittens auf die Dauer: Meldet das Protokoll eine Spannungsanhebung über mehrere Sekunden, spricht das für einen Neutralleiterfehler, nicht für eine Blitzeinkopplung, denn transiente Ereignisse sind für diese Geräte gar nicht erfassbar.

Sichern Sie die Protokolle als Datei oder Bildschirmfoto, bevor Sie Geräte zurücksetzen oder vom Netz nehmen. Viele Ereignisspeicher sind Ringspeicher und überschreiben sich innerhalb weniger Tage.

Die Grenze der Eigenprüfung und ein sauberer Übergabepunkt

Zusammengefasst endet Ihre eigene Diagnose an drei Stellen: an der Abdeckung des Verteilers, an jedem Bauteil, das Wärme, Geruch oder Geräusch entwickelt, und an jedem Fehler, der sich nach dem Trennen aller Verbraucher reproduzieren lässt. In allen drei Fällen ist die Weiterarbeit nach DIN VDE 0105-100 einer Elektrofachkraft vorbehalten, die vor dem Eingriff freischaltet, gegen Wiedereinschalten sichert, die Spannungsfreiheit feststellt und benachbarte unter Spannung stehende Teile abdeckt.

Der Übergabepunkt an die Fachkraft ist am wertvollsten, wenn Sie ihn vorbereiten: Liste der defekten Geräte mit Stromkreis und Phase, Fotos des Verteilerzustands vor jeder Betätigung, ausgelesene Ereignisprotokolle mit Zeitstempeln, Auskunft des Netzbetreibers zum fraglichen Zeitfenster und die Angabe, ob und wo Überspannungs-Schutzeinrichtungen verbaut sind. Mit dieser Grundlage lässt sich der Prüfumfang zielgerichtet festlegen, statt die Anlage im Blindflug zu durchmessen.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. DIN VDE 0100-534 (VDE 0100-534):2016-10 — Errichten von Niederspannungsanlagen, Abschnitt 534: Überspannungs-Schutzeinrichtungen (SPDs)
  2. DIN VDE 0105-100 (VDE 0105-100):2015-10 — Betrieb von elektrischen Anlagen
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