Gefälle und Belüftung der Abwasserleitung – Systeme vergleichen: Sicherheit, Kompatibilität und Ausfallverhalten

Eine Vergleichsmatrix mit Mindestanforderungen. Im Mittelpunkt: Systemvarianten, Schutzwirkung, Schnittstellen, Datenschutz.

03Trinkwasser

Das Wichtigste in Kürze

  • Systemvarianten, Schutzwirkung, Schnittstellen.
  • Der Beitrag liefert eine Vergleichsmatrix mit Mindestanforderungen.
  • Die Seite trennt alternative Systeme nach einheitlichen Sicherheitskriterien.

Vergleichen heißt hier: Lüftungssysteme gegeneinander stellen

Beim Gefälle gibt es wenig zu vergleichen — es ist entweder ausreichend oder nicht. Die eigentliche Systementscheidung liegt bei der Belüftung. Hier stehen mehrere Varianten nebeneinander, die sich in Schutzwirkung, Platzbedarf, Wartbarkeit und vor allem im Verhalten bei Ausfall deutlich unterscheiden. Wer diese Varianten nach einheitlichen Kriterien prüft, trifft eine begründete Wahl statt einer, die sich aus dem Bauablauf ergeben hat.

Sechs Kriterien reichen für den Vergleich: Wirksamkeit bei Unterdruck, Wirksamkeit bei Überdruck, Verhalten im Ausfall, Zugänglichkeit für Wartung, bauliche Voraussetzungen und Zulässigkeit als alleinige Lösung. Das letzte Kriterium ist entscheidend, weil einige Varianten nur ergänzend eingesetzt werden dürfen.

Die Varianten im Einzelnen

Die Hauptlüftung führt die Fallleitung in unveränderter Nennweite über Dach. Sie wirkt in beide Richtungen: Bei Unterdruck strömt Luft nach, bei Überdruck entweicht sie. Sie ist wartungsfrei, weil sie kein bewegliches Teil enthält, und sie fällt praktisch nicht aus. Ihre Nachteile sind baulicher Art: Sie braucht einen durchgehenden Schacht bis über Dach und eine dichte Dachdurchdringung.

Die Nebenlüftung ist eine zweite, parallel geführte Leitung, die an mehreren Punkten mit der Fallleitung verbunden wird. Sie entlastet die Fallleitung dort, wo hohe Abflüsse zusammentreffen, und wird bei stark belasteten Strängen eingesetzt. Sie verdoppelt den Platzbedarf im Schacht.

Die Umlüftung verbindet einzelne Anschlussleitungen oder Abzweige mit der Lüftungsleitung und schützt gezielt die Geruchverschlüsse einzelner Entwässerungsgegenstände. Die Sammellüftung fasst mehrere Anschlussleitungen zusammen und führt sie gemeinsam zur Lüftung.

Belüftungsventile nach DIN EN 12380 sind mechanische Bauteile, die bei Unterdruck öffnen und Luft einströmen lassen, bei Überdruck aber schließen. Sie können deshalb einen Unterdruck ausgleichen, jedoch keinen Überdruck abbauen und keine Kanalgase abführen. Daraus folgt der wichtigste Satz dieses Vergleichs: Ein Belüftungsventil ist eine Ergänzung, kein Ersatz für die Hauptlüftung. Ein Gebäude braucht eine Lüftung über Dach, damit Druck aus dem System entweichen kann.

Als Sondervariante gilt die Entwässerung ohne Schwerkraftgefälle, also über eine Hebeanlage. Sie kommt dort in Betracht, wo eine Ablaufstelle unterhalb der Rückstauebene liegt oder das nötige Gefälle baulich nicht erreichbar ist. Im Vergleich ist sie die Rückfallebene, wenn die Schwerkraftlösung scheitert — mit dem Preis der Stromabhängigkeit.

Vergleichsmatrix mit Mindestanforderungen

Variante Wirkung bei Unterdruck Wirkung bei Überdruck Verhalten bei Ausfall Wartungsbedarf Als alleinige Lösung zulässig Mindestanforderung
Hauptlüftung über Dach vollständig vollständig kein aktives Bauteil, Ausfall nur durch Verstopfung oder Vereisung Sichtkontrolle der Mündung ja, Regelfall je Fallleitung unveränderte Nennweite, Mündung mit Abstand zu Fenstern und Lüftungsöffnungen
Nebenlüftung parallel zur Fallleitung hoch, entlastet stark belastete Stränge hoch wie Hauptlüftung keiner nur zusammen mit Hauptlüftung Verbindungspunkte nach Bemessung, kein Wassereintrag in die Lüftungsleitung
Umlüftung einzelner Abzweige gezielt an der geschützten Stelle begrenzt passiv, kein Ausfallmechanismus keiner nein Anschluss oberhalb des Wasserspiegels, Gefälle zur Anschlussleitung
Sammellüftung mehrerer Anschlussleitungen gut bei gebündelten Gegenständen begrenzt passiv keiner nein gemeinsame Führung nach Bemessung, keine Querströmung zwischen Gegenständen
Belüftungsventil nach DIN EN 12380 gut, nur örtlich keine, Ventil schließt Membran verhärtet oder verklebt, Ausfall bleibt unbemerkt regelmäßige Kontrolle, Austausch nach Herstellerangabe nein dauerhaft zugänglich über Revisionsöffnung, oberhalb der höchsten Anschlussstelle, in belüftetem Raum
Hebeanlage statt Schwerkraftgefälle eigenes System mit eigener Lüftung eigenes System Stillstand bei Stromausfall, Rückstau in die Zuläufe wiederkehrende Wartung nach DIN 1986-30 ja, wenn Schwerkraft nicht möglich Lüftung über Dach, Rückstauschleife über die Rückstauebene, Störmeldung

Wie Sie die Matrix anwenden

Beginnen Sie mit der Ausschlussfrage: Gibt es einen durchgehenden Schacht bis über Dach? Wenn ja, ist die Hauptlüftung gesetzt, und alle weiteren Varianten sind nur Ergänzungen für stark belastete Teilstränge. Wenn nein, klären Sie zuerst, warum nicht. Ein nachträglich ausgebautes Dachgeschoss, das die Lüftungsleitung gekappt hat, ist ein Mangel, kein Anwendungsfall für ein Belüftungsventil.

Zweite Frage: Treten in Ihrem Gebäude Geruchsprobleme oder gluckernde Geräusche auf? Gluckern beim Ablaufen ist das typische Zeichen für einen Unterdruck, der Luft durch das Sperrwasser eines Geruchverschlusses zieht. Hier hilft eine gezielte Umlüftung oder ein Belüftungsventil an der richtigen Stelle. Riecht es dagegen im Keller oder in Bodennähe, deutet das eher auf Überdruck oder auf einen ausgetrockneten Geruchverschluss hin — und ein Belüftungsventil verschlimmert das Problem, weil es den Überdruck nicht ableitet.

Dritte Frage: Wie zugänglich ist die gewählte Lösung in zehn Jahren? Ein Belüftungsventil hinter einer verfliesten Vorwand ohne Revisionsöffnung ist ein Bauteil, das ausfällt, ohne dass jemand es bemerkt. Das ist der häufigste Planungsfehler bei dieser Variante.

Schnittstellen, die den Systemvergleich beeinflussen

Die Lüftungsleitung endet nicht am Rohr. Sie durchdringt die Dachhaut und braucht dort eine dauerhaft dichte Anbindung an die Dachabdichtung. Sie kreuzt Geschossdecken und braucht dort gegebenenfalls eine Brandschutzabschottung. Und sie darf keine Verbindung zu Lüftungsanlagen des Gebäudes bekommen: Eine kontrollierte Wohnraumlüftung, deren Abluftöffnung neben der Mündung der Entwässerungslüftung liegt, saugt Kanalluft an. Bei Nachrüstungen ist das eine reale und häufig übersehene Fehlerquelle.

Ein weiterer Schnittpunkt betrifft die Gemeinde. Die Entwässerungssatzung regelt die Grenze zwischen Ihrer Grundstücksentwässerung und dem öffentlichen Kanal sowie die Frage, welche Änderungen anzuzeigen sind. Sie kann außerdem Festlegungen zum Misch- oder Trennsystem enthalten, die eine Systemvariante von vornherein ausschließen.

Was der Vergleich nicht ersetzt

Diese Gegenüberstellung ordnet die Varianten, sie bemisst sie nicht. Ob eine Fallleitung eine Nebenlüftung braucht, ergibt sich aus der Summe der Anschlusswerte und der Abflusskennzahl nach DIN EN 12056-2 in Verbindung mit DIN 1986-100 — nicht aus einer Faustregel. Ebenso wenig lässt sich ohne Berechnung entscheiden, an welcher Stelle ein Belüftungsventil wirksam wäre.

Der Einbau selbst ist ebenfalls kein Bereich für Eigenleistung. Eingriffe in Fall- und Grundleitungen berühren Dichtheit, Brandschutz und Statik der Durchdringungen. Beauftragen Sie einen Betrieb, der die Bemessung nachvollziehbar vorlegt und die anschließende Dichtheitsprüfung protokolliert.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. DIN 1986-100:2016-12 – Entwässerungsanlagen für Gebäude und Grundstücke, Teil 100: Bestimmungen in Verbindung mit DIN EN 752 und DIN EN 12056 (DIN Media, kostenpflichtig)
  2. DIN 1986-30:2012-02 – Entwässerungsanlagen für Gebäude und Grundstücke, Teil 30: Instandhaltung (DIN Media, kostenpflichtig)
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